Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen

Dieses Spottblatt bezieht sich auf das Scheitern der Revolution in Köln nach der kampflosen Aufgabe der Barrikaden am 25. September 1848. Mit ironischer  Schadenfreude stellt der unbekannte Künstler das Verhalten der Kölner Revolutionäre als karnevalistische Belustigung dar.

1848 – Alaaf Cöln!<br />Deutsch, 1848/49, Lithografie, H: 20 cm, B: 38 cm, Inv.-Nr. HM 1895/15, Schenkung von Joseph Trimborn, Köln<br />Foto: rba_d033414
1848 – Alaaf Cöln!
Deutsch, 1848/49, Lithografie, H: 20 cm, B: 38 cm, Inv.-Nr. HM 1895/15, Schenkung von Joseph Trimborn, Köln
Foto: rba_d033414

Als das Spottblatt entstand, war die 1848er Märzrevolution bereits gescheitert. Mit ihr hatte das Volk zwar das deutsche Parlament, die in Frankfurt tagende Nationalversammlung, erkämpft, doch hatte die revolutionäre Erhebung gegen die zu dieser Zeit vorherrschenden Mächte der Restauration und deren politische und soziale Strukturen immer mehr an Elan verloren. Auch in Köln gewannen die konservativen Kräfte wieder die Oberhand.

Mit dem Titel »Alaaf Cöln!« bezieht sich der unbekannte Verfasser dieses Blattes auf die Kölner Ereignisse am 25. September 1848. Ganz bewusst bindet er durch diesen Titel die Rolle des Kölner Karnevals mit in seine Ironie ein. Seit 1823 galt Köln als karnevalistische Hochburg in der Rheinprovinz, und das »Alaaf Cöln!« hatten sich die Jecken als signifikanten Ausruf zu eigen gemacht. Und in der Tat, die Revolution ließ das karnevalistische Treiben in Köln fast unberührt. Als am 2. März 1848 die politischen Auseinandersetzungen begonnen hatten, wurde in Köln gefeiert, es war schließlich Weiberfastnacht. Natürlich gab es in diesem Jahr auch einen Rosenmontagszug; er soll aber weniger witzig gewesen sein! Einziger revolutionärer Leuchtturm aus dem Bereich des Karnevals war Franz Raveaux (1810–1851). Er war nicht nur ein früher Reformer des Karnevals, sondern nutzte ihn geschickt als Bühne der politischen Opposition. Wie auch immer – die Kölner hatten ihren Ruf weg, und die Barrikaden im September wurden überregional als »Possenspiel« und als »Carnevalsscherz « karikiert.

Unser Blatt arbeitet die Kölner Barrikadengeschichte mit beißendem Spott in vier Bildern auf. Die erste Abbildung, oben links, dokumentiert die Vorfälle am 25. September, kurz nachdem man erste Barrikaden errichtet hatte. Während das Militär Kanonen auffahren ließ, kam es zu Plünderungen. Hier sieht man vermutlich den Einbruch in einen »Tuchladen in einer Nebenstraße Ober Marspforten«, der ganz geplündert wurde, was öffentlich für Furore sorgte. Spätestens hier muss man sich fragen: Wo war die Kölner Bürgerwehr? Sie hatte doch schließlich die Hauptaufgabe, mit nächtlichen Kontrollen Ruhestörungen, Krawalle und eben Einbrüche zu unterbinden.

Die Mitglieder der Bürgerwehr galten in Köln aber als Versager. Dies zeigt auch das zweite Bild unserer Lithografie. Mit »Ach währt ihr zu Hause geblieben« und »Barrikade an der Schildergasse« nimmt es Bezug auf den relativ chaotischen und wohl auch spontanen Bau von circa 30 bis 40 Barrikaden in Köln. Anscheinend bestand aber an einer Verteidigung der Barrikaden vonseiten der Kölner Revolutionäre kein Interesse. Sie gingen lieber nach Hause oder ins Wirts- bzw. Kaffeehaus. Inzwischen bauten Soldaten und städtische Arbeiter die Barrikaden wieder ab.

Die Festungskommandantur proklamierte am 25. September den Belagerungszustand über Köln und löste die Bürgerwehr am 26. September 1848 auf. Dieser Vorgang leitet über zum dritten Bild. Die Überschrift »Freiheit und Republik« spielt hier ironisch mit der ersten Abbildung. Dargestellt ist die Abgabe der Waffen. Von über 5.000 Gewehren wurden nur 240 nicht abgegeben.

Das vierte und letzte Bild zeigt einen Grabstein zum Kölner Barrikadenbau: »Hier ruhen in Frieden die Cölner Barrikaden«. Für die Zeit nicht ungewöhnlich sind die in den Bildern abgebildeten »pissenden« und »kackenden« Hunde oder der auf das Barrikadendenkmal urinierende preußische Soldat. Diese deftigen Darstellungen gingen einher mit der damaligen Sprache. Schon 1845 konnte man auf einem Plakat in Köln lesen: »Berliner Kotzwürste (...) Man kann sie unverlangt umsonst haben (...) als laxativ, palliativ und purgativ zu empfehlen (...).«

Vermutlich stammt das kleine »Spottblatt« aus der Hand eines Künstlers, den man dem Mittelstand und/oder dem Bürgertum zuordnen muss. Gerade hier hatte das preußische Militär neue Sympathien gewonnen. Geschenkt wurde dieses Blatt dem Kölnischen Stadtmuseum vom Kölner Rechtsanwalt und Justizrat Joseph Trimborn (1852–1922). Er ruht still auf der Mittelachse des Kölner Friedhofs Melaten.


Autor: Dr. Michael Euler-Schmidt

 

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