Wein, Weib und Gesang

<strong>Augustin Kramer: Modell des Kölner Bayenturms für Felix Mendelssohn Bartholdy</strong>, Köln, 1838. Foto: rba_d033553
Augustin Kramer: Modell des Kölner Bayenturms für Felix Mendelssohn Bartholdy, Köln, 1838. Foto: rba_d033553

Was hat die Stifter der Silberschmiedearbeit Anfang Juni 1838 wohl bewogen, dem berühmten Musiker und Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy in Köln dieses merkwürdige Geschenk zu überreichen?

Zunächst der Anlass: das 20. Niederrheinische Musikfest. Es fand seit 1818 statt – alljährlich zu Pfingsten in wechselnden rheinischen Städten, zuletzt zwischen Aachen, Düsseldorf und Köln. Mendelssohn Bartholdy leitete das Musikfest sieben Mal, in Köln erstmals 1835. Am 3. und 4. Juni 1838 war er hier erneut Festspielleiter und dirigierte im großen Saal des Gürzenichs Werke von Ferdinand Ries, Händel, Mozart, Bach, Beethoven und Cherubini. Danach überreichten »die dankbaren Theilnehmer« dem gefeierten Musiker das Geschenk: ein Turmmodell aus Silber auf achteckigem Sockel im neugotischen Dekor, mit imitierten Steinen, Fenstern, Zinnen und Schilden mit Kölner Wappen auf fein geprägten und gravierten Turmwänden.

Auf alte Zeiten verweist auch eine verborgene Funktion: Der obere Teil des Turmes ist abnehmbar, innen befindet sich ein Gefäß zur Aufnahme eines Getränks. Die Silberschmiedearbeit führt damit die auf das 16. Jahrhundert zurückgehende Tradition der Willkomm-Pokale fort, aus denen Zünfte einst den zu ehrenden Gästen den Wein reichten.

Die Wiederentdeckung des Mittelalters bestimmte auch das Motiv. Die Silberschmiedearbeit ist das Modell des Kölner Bayenturms, erbaut um 1220 am Rheinufer als südlicher Eckturm der mittelalterlichen Stadtbefestigung. 1838 war er immer noch eingebunden in die Befestigungsanlagen. Der 35 Meter hohe Bayenturm war Erkennungszeichen im Panorama der Stadt, zuletzt auf den malerischen Rheinansichten der Romantiker. Dies dürfte dem umjubelten Dirigenten gefallen haben, er war dem Rheinland verbunden und oft zu Gast auf dem Landsitz seines Onkels in Koblenz. 1833 wurde er in Düsseldorf nach seinen Auftritten beim dortigen Niederrheinischen Musikfest Generalmusikdirektor.

Der Rheinromantik verfallen war auch Prinz Friedrich von Preußen, Kommandeur der preußischen Truppen in Düsseldorf, der sich Burg Rheinstein bei Bingen als Residenz ausbauen ließ. Einer seiner bevorzugten Künstler war Augustin Kramer (1786–1864), der schon seit einigen Jahren seine Werkstatt in Köln Am Malzbüchel 13 führte – als des Prinzen »Hof-Juwelier u. Hof-Goldschmied u. Silberarbeiter«. Kramers Karriere begann 1817 mit einer Methode, goldene und silberne Epauletten für preußische Uniformen zu prägen. Später fertigte er sakrales Gerät für den Kölner Dom und St. Severin sowie ein Kruzifix für den Paderborner Dom. Er arbeitete mit großflächigen, fein ziselierten Prägestöcken und zurückhaltenden neugotischen Formen. So auch beim Modell des Bayenturms, das die Kölner Musikfreunde bei ihm in Auftrag gaben.

Später wurde der Bayenturm durch den entstehenden Rheinauhafen zunehmend isoliert und nach der Niederlegung der Stadtmauern Ende des 19. Jahrhunderts als Denkmal erhalten. 1907 eröffnete darin das Museum für Vor- und Frühgeschichte, was an Exponaten den Kriegszerstörungen entging, befindet sich im Römisch-Germanischen Museum. Der Bayenturm ist inzwischen restauriert und beherbergt heute als FrauenMediaTurm ein Archiv und Dokumentationszentrum zur historischen und aktuellen Frauenbewegung – sowie das Büro von Alice Schwarzer mitsamt der Redaktion der Zeitschrift »EMMA«.

Das kunst- und kulturhistorisch bedeutende Modell des Bayenturms wurde 2010 im Auktionshaus Lempertz mit Mitteln der Stiftung Fassbender und der Freunde des Kölnischen Stadtmuseums e. V. ersteigert. Ein ähnliches, ebenfalls silbernes Modell des Gürzenichs, einst ein Geschenk an den Kölner Stadtbaumeister Johann Peter Weyer, befindet sich im Besitz der Familie Adenauer. Noch 1980 wurde bedauert, dass von Kramers »historisierenden Arbeiten« wenig bekannt sei – nun ist diese Lücke unseres Wissens und der Museumssammlung geschlossen.

 

Augustin Kramer: Modell des Kölner Bayenturms für Felix Mendelssohn Bartholdy, Köln, 1838. Bez. auf dem Sockel: »BAYEN-THURM zu CÖLN A/R./AUG. KRAMER. FEC. COL. AGRIP.«, kein Beschauzeichen, Widmungsgravur: »Dem verehrten Leiter des 20. niederrheinischen Musikfestes, DR. FELIX MENDELSSOHN-BARTHOLDY/Die dankbaren Theilnehmer/Cöln, am 3. und 4. Juni 1838.« Silber, geprägt, gewickelt und graviert; H: 43 cm, Dm Sockel: 14,5 cm, Inv.-Nr. KSM 2010/81, Erworben bei Lempertz, Köln, Auktion 968 Kunstgewerbe am 19.11.2010 für 5.818,60 Euro mit Mitteln der Stiftung Fassbender und der Freunde des Kölnischen Stadtmuseums e. V. Foto: rba_d033553


Autor: Dr. Mario Kramp

 

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