Vom Rhein in die Welt

Die Eröffnung des Rheinauhafens 1898 erlaubte eine großzügige Umgestaltung des Kölner Altstadtufers, in vielen Fotografien von Carl Baedeker und anderen festgehalten. Die als wertvoll erachteten Baureste wurden im Stapelhaus wiederverwendet und fielen dem Bombenkrieg zum Opfer.

<strong>Carl Baedeker: Köln – Am Bollwerk</strong>, 1900. Foto: rba_d033466
Carl Baedeker: Köln – Am Bollwerk, 1900. Foto: rba_d033466

Der Fotograf dieses Bildes befand sich am Rhein – eindeutig, kann man im Hintergrund doch die bekannte historische Stadtkulisse auf Höhe der Frankenwerft erkennen. Aber der Rest? Warum sieht das alles so »kaputt« aus? Handelt es sich um den missglückten Versuch, eine erste U-Bahn zu bauen? In diesem Fall ist es im Gegenteil das Ergebnis eines geglückten Neubaus: Nachdem 1898 der neue Rheinauhafen in Betrieb gegangen war, veränderte sich schlagartig das Gesicht der Altstadt zum Rhein hin. Dort waren die alten Hafenanlagen wie die Lager- und Zollhallen überflüssig geworden und wurden abgebrochen. Dazu gehörte auch das 1836 bis 1838 von Johann Peter Weyer errichtete Lagerhaus Ahren, auf dessen Bauplatz sich nun Relikte anderer abgebrochener Häuser stapeln. Die hier gezeigten Kranbalken, die meisten in Tierform, befanden sich im Giebel der alten Geschäftshäuser. Sie dienten dazu, mittels Tauen die Waren in die Speicher hochzuziehen, denn die Treppenhäuser waren in den traditionell schmalen Häusern zu eng dafür. Die unten angeordneten Grienköpfe hatten eine ähnliche Funktion – sie dienten als Widerlager, um schwere Lasten in den Keller zu befördern. Die Ortsbezeichnung »Am Bollwerk« erinnert an das 1602 bis 1605 vom Jülicher Festungsbaumeister Johann von Pasqualini errichtete dreieckige Befestigungswerk.

Auch das Stapelhaus, nach 1558 als Fischkauf- und Schlachthaus errichtet, sollte nach 1898 neuen Zwecken nutzbar gemacht werden. Seine Wiederherstellung, die man eher als phantasievolle Neukreation bezeichnen könnte, wurde nach einem Entwurf von Friedrich Carl Heimann durchgeführt; unter seiner Aufsicht waren an der Leitung der Instandsetzung die städtischen Architekten Carl Baedeker, Wienecke, Remtjes und Suhr beteiligt. Die Kosten betrugen rund 670.000 Mark. 1901 war die Instandsetzung beendet, seitdem diente das Erdgeschoss als Wirtschaft, das Obergeschoss beherbergte das Museum für Naturkunde. Die beim Abbruch der umliegenden Altbauten gesicherten Kranbalken, Treppenpfosten usw. wurden im Stapelhaus angebracht – und fielen dem Bombenkrieg zum Opfer. Bei der Instandsetzung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Treppenturm, um 1600 errichtet, 1831 wegen Baufälligkeit abgebrochen, dann wieder hinzugefügt, aber nicht an der alten Stelle an der Mauthgasse, sondern an der Südseite und mit etwas größerem Durchmesser – ironischerweise der einzige Rest des Gebäudes, der heute noch steht.

Der junge Architekt Carl Baedeker war auch ein guter Fotograf. Das Historische Museum erwarb zahlreiche seiner Arbeiten, sobald Abzüge vorlagen. Der Sohn eines »königl. Baumeisters« wurde im April 1864 in Köln geboren und stand später selbst als Architekt in Diensten der Stadt Köln. Zu seinen Arbeiten zählten neben dem Umbau des Stapelhauses auch der Neubau des Waisenhauses am Perlengraben und die Restaurierung der Cäcilienkirche. Vom Großonkel, dem gleichnamigen Reiseführer-Verleger, hatte er neben dem Vornamen wohl auch die Reiselust geerbt, und so wanderte er schon in jungen Jahren über die Alpen bis Capri. 1905 entschloss er sich, sein Glück im Fernen Osten zu suchen, und reiste auf dem Reichspostdampfer »Prinz Eitel Friedrich« nach Schanghai. »Dort gab es alle Hände voll zu tun, und ich verdiente gutes Geld«, äußerte er sich kurz vor seinem Tod in einem Zeitungsinterview. In vier Jahren schuf er in China und Korea zahlreiche Großbauten für die europäischen Besatzer und deren einheimischen Kollaborateure. Dann hatte er so viel Geld verdient, dass er sich den 20.000-MarkTraum einer Weltreise erfüllen konnte. Baedeker kehrte nach Asien zurück, wurde aber nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wie viele andere aus China ausgewiesen. 1925 ließ er sich in Schlesien nieder, wo er sich der Blumenmalerei widmete. Von dort vertrieben ihn nach dem Ende des verlorenen nächsten Krieges die Polen, seitdem lebte er in Altenberg. Hier starb er am 11. Mai 1958.

 

Carl Baedeker: Köln – Am Bollwerk, 1900, Beschriftung: Ausleger und Grienköpfe (auf dem Bauplatz des Stapelhauses) / aufgenommen Juli 1900. Fotografie, H: 15 cm, B: 23 cm, Trägerkarton: H: 24,3 cm, B 32,8 cm, Inv.-Nr. HM 1900/416. Ankauf von Carl Baedeker. Foto: rba_d033466 


Autor: Rita Wagner M. A.

 

Newsletter

Möchten Sie unseren Newsletter abonnieren oder postalische Einladungen erhalten? 

zur Annmeldung

Kölnisches Stadtmuseum

Zeughausstraße 1–3
50667 Köln
Kasse: 0221/221-22398
Nur montags: 0221/221-25789
Fax: 0221/221-24154
E-Mail: ksm@museenkoeln.de

Öffnungszeiten

Dienstag: 10–20 Uhr
An Feiertagen bis 17 Uhr
Mittwoch bis Sonntag: 10–17 Uhr
KölnTag (1. Donnerstag im Monat): 10–22 Uhr
montags geschlossen

 

Eintrittspreise

Ständige Sammlung
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Sonderausstellungen
€ 5,00, ermäßigt € 3,00