Verschwundenes Köln

Vor dem Abbruch der seinerzeit noch erhaltenen mittelalterlichen Stadtumwallung, der größten nördlich der Alpen, hatte  Jakob Scheiner, der Vater des Maler Wilhelm Scheiner, vom Kölner Museumsverein den Auftrag erhalten, zumindest die Stadttore  zu dokumentieren, bevor sie, bis auf den bescheidenen Rest von vier Toren und zwei kleineren Bauabschnitten, verschwanden. Wilhelm Scheiner zeigt zehn Jahre später das vor der Niederlegung stehende Weyertor flankiert von neu entstandenen Gebäuden.

<strong>Wilhelm Scheiner: Weyertor, Stadtseite, 1889</strong>. Foto: rba_c000426
Wilhelm Scheiner: Weyertor, Stadtseite, 1889. Foto: rba_c000426

Es war das größte zusammenhängende Architekturensemble, welches das Mittelalter nördlich der Alpen geschaffen hatte: Zwölf  repräsentative Stadttore, 52 Türme und eine sechs Kilometer lange Stadtmauer auf der Landseite, entstanden zwischen 1180 und 1250, dazu Vorwerke und Bastionen, die, als Antwort auf die militärtechnischen Fortschritte, im Laufe der folgenden Jahrhunderte hinzugekommen waren. Nur vier der Tore und zwei kleinere  Mauerabschnitte blieben erhalten, dem großen Rest – so auch dem Weyertor – rückte man geschichtsvergessen zwischen 1881 und 1891 mit Sprengladungen und Spitzhacke zu Leibe. Die Devise gab Oberbürgermeister Hermann Becker fortschrittstrunken anlässlich der Abbruchfeier am 11. Juni 1881 aus: »Was unsere Vorfahren bauen mussten, damit Köln groß wurde, das müssen wir sprengen, damit Köln nicht klein werde. Wie wir es würdigen, dass ihren Bedürfnissen gemäß unsere Vorfahren schanzten und türmten, so würdigen wir es als unsere Pflicht, ihre Werke niederzulegen, als eine Pflicht, deren längere Versäumung uns in der Gegenwart Spott und in der Zukunft harte Verdammung eingetragen hätte.« Was für eine Fehleinschätzung! 

Wilhelm Scheiner (1852–1922) wählte für seine Ansicht des Weyertores einen diagonalen Blickwinkel vom Pantaleonswall aus, der zugleich die östliche Schmalseite mit dem vorgelagerten feldseitigen Flankenturm und die im 18. Jahrhundert zu einem zweigeschossigem Wohnriegel mit je sieben Fenstern ausgebaute städtische Längsseite ins Bild rückt. Eine Vogelschauansicht von 1702 vermittelt da noch einen ganz anderen, wehrhaften Charakter des 1232 erstmals erwähnten Tores: Anstelle des eher häuslich anmutenden Walmdaches und der Kegeldächer über den seitlichen Rondellen bekrönen Zinnenkränze die Flankentürme und den damals noch ein Stockwerk höheren, deutlich als Torbau abgesetzten Mitteltrakt. Das Weyertor war das höchstgelegene der Kölner Stadttore. Es besaß das seit dem 15. Jahrhundert sukzessiv ausgebaute stärkste Vorwerk der landseitigen Stadtbefestigung Kölns. Einen guten Eindruck davon konnte noch Scheiners Vater Jakob (1820–1911) vermitteln, der 1878/79 auf seinem Aquarell der Feldseite (heute ebenfalls in der Graphischen Sammlung des Stadtmuseums) den Zwinger mit wuchtigem Renaissancevortor und den verstärkten Kehlpunkt der Nordflanke der sich anschließenden Bastion mit darstellte. Von alldem ist bei Scheiner junior zehn Jahre später nichts mehr zu sehen: Der Durchblick linker Hand des Tores verdeutlicht den nun isolierten Charakter des Bauwerks. Als seiner Funktion beraubter Solitär inmitten einer Wohnbebauung nördlich des Barbarossaplatzes war sein Schicksal besiegelt, und so hält Scheiner denn im Bild den Beginn der Abbrucharbeiten fest. Man erkennt im Hintergrund die Bauarbeiter, die bereits das Pultdach des Anbaus abdecken, der als Treppenstiege zu den ehemaligen Turmwohnungen führte. Das Aquarell hat wie bei allen Arbeiten des Künstlers einen explizit dokumentarischen Charakter, denn es ist – mit Ausnahme der Staffagefiguren im Vordergrund – die getreuliche Umsetzung einer noch vorhandenen Fotografie Scheiners, datierend vom 2. Oktober 1889.

Neben Hahnen-, Eigelstein- und Severinstor war das Weyertor bis zum 19. Jahrhundert der wichtigste, mit einer Zollstation versehene Zugang zur Stadt – umso bedauerlicher der Abriss des Tores, den man für unumgänglich hielt. Mit ihm ging ein weiteres bedeutendes Denkmal des alten Köln unwiederbringlich verloren.

 

Wilhelm Scheiner: Weyertor, Stadtseite, Köln, 1889; bez. links unten: Köln. Weyerthor. 1889. Oct.2. / W. Scheiner. Aquarell, H: 37,5 cm, B: 51,5 cm, Inv.-Nr. KSM 1907/140. Ankauf eines Konvolutes von 65 grafischen Blättern und 34 Fotografien 1907 von Wilhelm Scheiner als Geschenk von »Herrn« [d. i. Franz] Clouth, Köln-Nippes. Foto: rba_c000426

 


Autor: Dr. Ulrich Bock

 

Newsletter


Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und stimme dem Erhalt des Newsletters zu.


Kölnisches Stadtmuseum

Zeughausstraße 1–3
50667 Köln
Kasse: 0221/221-22398
Nur montags: 0221/221-25789
Fax: 0221/221-24154
E-Mail: ksm@museenkoeln.de

 

Öffnungszeiten

Dienstag: 10–20 Uhr
An Feiertagen bis 17 Uhr
Mittwoch bis Sonntag: 10–17 Uhr
KölnTag (1. Donnerstag im Monat): 10–22 Uhr
montags geschlossen

 

Eintrittspreise

Ständige Sammlung
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Sonderausstellungen
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Kombikarte 
€ 7,50, ermäßigt € 5,00