Verlorene Generation

<strong>Peter Joseph Lützenkirchen: Selbstbildnis</strong>, um 1805. <br />Foto: rba_d033432
Peter Joseph Lützenkirchen: Selbstbildnis, um 1805.
Foto: rba_d033432

Ernst blickt der junge Mann den Betrachter an. Etwa 30 Jahre alt wird er sein. Schwarze Haare mit langen Koteletten rahmen sein Gesicht. Der einzige helle Kontrast zum schwarzen Rock und dunklem Hintergrund ist der hohe weiße Kragen mit der Halsbinde: ein Herr ganz comme il faut im beginnenden 19. Jahrhundert. Die Palette, die er hält, verrät Beruf und Leidenschaft. Er ist Maler.

Ein Maler, dem der große Durchbruch zeitlebens versagt blieb. Dabei fing eigentlich alles ganz vielversprechend an. Peter Joseph Lützenkirchen (1775–1820) stammte aus einer alten Kölner Familie. Sein Vater war angesehener Bürger, »Händler in Sammet- und Seidenbändern«, und besaß das Doppelhaus »zum roten Ochsen« in der Sternengasse 89/91 (das später das Gasthaus »Em St. Pitter« beherbergte und bis zum Zweiten Weltkrieg noch stand). Man konnte es sich sogar leisten, den künstlerisch begabten Sohn an der kurfürstlichen Akademie in Düsseldorf studieren zu lassen.

Als er nach Köln zurückkehrte, hatte sich dort die gesellschaftliche Situation radikal verändert. Hier herrschten die Franzosen, es galten Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz, die alte Adelsherrschaft hatte ausgedient. Vergeblich versuchte Lützenkirchen, als Zeichenlehrer eine Anstellung zu bekommen. Er schlug sich in Köln als Maler von Miniaturporträts durch, hilfreich dabei war seine Schwester »Wittib« Neuß, die in der Breite Straße 48 eine Art Kunsthandlung führte.

Unterstützt wurde er auch von Wallraf, der eine ganze Generation von Schülern prägte. Jüngere wie Hittorff, Gau und Begas bekamen im Gegensatz zu Lützenkirchen die Chance, zum Studium in die Hauptstadt Paris zu ziehen und Karriere zu machen. Wie diese hielt auch Lützenkirchen Kontakt zur »Olympischen Gesellschaft«, dem kunstsinnigen Kreis um Wallraf und Matthias De Noël. So ergaben sich Aufträge für Porträts, erhalten ist das Bildnis des Kölner Fabrikanten und Politikers Nikolaus DuMont. Die Kopie eines Gemäldes aus Wallrafs Sammlung und ein Selbstbildnis – vielleicht das hier gezeigte – stellte er 1810 in Köln aus.

Im gleichen Jahr zog er nach Frankfurt am Main und versuchte dort sein Glück. Den engen Kontakt zu Wallraf behielt er bei. Er engagierte sich für die Idee einer Kölner Universität in Gesprächen mit dem einflussreichen Freiherrn vom Stein, der ihm Modell saß. Lützenkirchens Bildnisminiatur des Staatsmannes, nun im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, ziert heute noch die Schulbücher. Die meisten anderen Bildnisse hochgestellter Persönlichkeiten, die er in Frankfurt und während eines Aufenthalts am Hof zu Karlsruhe schuf, sind nur als Schabkunstblätter erhalten – einer aufwändigen Kupferdrucktechnik, die er sich mühevoll beibrachte.

Seine Hoffnung, sich eines Tages wieder in seiner Heimatstadt niederzulassen, scheiterte auch 1816, als er sich für die Leitung der für das nun preußische Köln vergeblich erhofften Kunstschule ins Gespräch brachte. 1820 – Wallraf hatte seine Kunstsammlungen inzwischen der Stadt vermacht – beschloss Lützenkirchen, nach Köln zurückzukehren. Dazu kam es nicht mehr. Er erkrankte an Tuberkulose. Am 28. Juni verkündete eine Frankfurter Zeitung den Tod des »Peter Joseph Lützenkirchen, Kunstmaler aus Köln, alt 45 Jahre.«

Das Historische Museum erwarb sein Bildnis 1909 beim Kölner Händler Stauff für 50 Mark – ein kluger Ankauf, nur sehr wenige Gemälde Lützenkirchens sind erhalten. Das Gemälde wurde präsentiert im Raum, der in der Eigelsteintorburg der Franzosenzeit und Napoleon gewidmet war. Es ist ein eindringliches Selbstporträt eines Kölner Künstlers – und Zeugnis der Kölner Kulturgeschichte der Zeit des Übergangs: als Höfe und Kurfürsten keine Auftraggeber mehr waren und junge Maler sich auf dem entstehenden bürgerlichen Kunstmarkt behaupten mussten.

 

Peter Joseph Lützenkirchen: Selbstbildnis, um 1805, Öl auf Leinwand, H: 67,5 cm, B: 55,5 cm, 
Inv.-Nr. HM 1909/46. Erworben 1909 vom Kölner Händler K. A. Stauff für 50 Mark. Foto: rba_d033432


Autor: Dr. Mario Kramp

 

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