Sekt im Raumschiff

Wenige Ereignisse des letzten halben Jahrhunderts blieben den Menschen so in Erinnerung wie die Herstatt-Pleite von 1974. Ein halbes Jahr vorher noch hatte Bankier Iwan-D. Herstatt seinen 60. Geburtstag als rauschendes Fest gefeiert.

<strong>Zwei leere Sektflaschen von der Feier </strong><strong>zu Iwan D. Herstatts 60. Geburtstag</strong>,<strong> </strong>Köln, 16. Dezember 1973, KSM 1988/655. Foto: rba_d033513
Zwei leere Sektflaschen von der Feier zu Iwan D. Herstatts 60. Geburtstag, Köln, 16. Dezember 1973, KSM 1988/655. Foto: rba_d033513

»Es liegt der seltene Fall vor, daß es dem zähen Streben eines Nachfahren gelungen ist, eine sehr alte, doch vor zwei Generationen erloschene Bankfirma neu zu etablieren und ihr einen ansehnlichen Rang im Kreditwesen zu gewinnen«, schrieb Hans Ulrich Freiherr von Wangenheim 1963 im »Volkswirt«. Das 1955 wiedergegründete Bankhaus I. D. Herstatt machte auf die zeitgenössischen Fachbeobachter einigen Eindruck. Noch mehr Eindruck – jetzt auch auf ein internationales Publikum – machte das Bankhaus, als es 1974 völlig zusammenbrach.

Seit 1955 war Herstatts Bankhaus in atemberaubender Geschwindigkeit gewachsen: Die Bilanzsumme lag 1956 bei 72 Millionen DM und wuchs bis 1973 auf 2 Milliarden. Gleichzeitig erhöhte sich die Zahl der Mitarbeiter von 15 auf 850. Einer davon war Dany Dattel, der 1958 als Lehrling in das Unternehmen kam.

Vor allem das Devisengeschäft entwickelte sich zu einem Standbein. Erst seit 1971 waren die europäischen Währungen vom Dollar entkoppelt, was eine Spekulation auf Devisen zuließ. Herstatt gehörte zu einer der wenigen Privatbanken, die an diesem riskanten Geschäft auf eigene Rechnung teilnahmen. Iwan Herstatt förderte diese Art der Spekulation und machte Dattel zum Leiter der Devisenabteilung. Im »Raumschiff Orion«, wie das futuristische Büro der Abteilung intern hieß, wurden Millionen verdient. Das riskante Zocken mit Devisen wurde Teil der Unternehmenskultur.

»Als ich am 16. Dezember 1973 meinen 60. Geburtstag feiern konnte, glaubte ich, alles erreicht zu haben, was ich mir in meinen kühnsten Träumen vorgestellt hatte«, schrieb Iwan Herstatt 1992. Es war ein (be-)rauschendes Fest mit rund 900 Gästen, der Sekt floss in Strömen. Die hier gezeigten Flaschen wurden dem Kölnischen Stadtmuseum 1988 geschenkt. Schon zwischen 1782 und 1888 hatte es ein Bankhaus Herstatt in Köln gegeben. Doch während die vielen in der Sammlung vorhandenen Porträt-Gemälde aus dem 18. bis 20. Jahrhundert die große Zeit des Bankhauses andeuten, versinnbildlichen diese beiden leeren Flaschen gerade dessen Niedergang.

Dass im Dezember 1973 schon die ersten Nägel in den Sarg des Bankhauses getrieben wurden, ahnte noch niemand. Herstatt hatte wegen des schwankenden Dollar-Kurses das Investitionsvolumen im Devisenhandel auf 25 Millionen Dollar pro Transaktion begrenzt. Tatsächlich investierten Dattel und seine Mitarbeiter oft mehrere hundert Millionen Dollar. Über eine Abbruchtaste am Computer konnten solche Geschäfte (und deren Verluste) aus den Bilanzen herausgehalten werden. Ein Vergleich der Kurse mit den Gewinnen hätte diese Praxis schon früh aufdecken können, doch womöglich wollte die Chefetage bei Herstatt es so genau auch nicht wissen – solange nur der Rubel rollte.

Im Juni 1974 kam es dann zum Zusammenbruch des Unternehmens. Die Verluste hatten sich zu einem Schuldenberg von rund 500 Millionen DM angehäuft. Gespräche zwischen dem Gerling-Konzern, dem ein Großteil der Herstatt-Aktien gehörte, und verschiedenen Großbanken verliefen ergebnislos. Die Abwicklung der Pleite dauerte bis 2006. Es konnten große Teile der Vermögenseinlagen an die Schuldner zurückgezahlt werden. Herstatt und einige seiner Devisenhändler wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt. Dany Dattel ging wegen eines Traumas, das er durch die Internierung im Konzentrationslager Auschwitz erlitten hatte, straffrei aus. Bis heute ist nicht klar, wer die Hauptschuld am Zusammenbruch des Bankhauses trägt. Herstatt und Dattel beschuldigten sich gegenseitig und wiesen die Verantwortung von sich.

»Sie [die Herstatts] zogen gegenüber den stürmischen, stets von neuen Ideen und Plänen beherrschten Konsorten die Risiken nüchtern in Rechnung. Diese abwägende Art war Ausdruck einer äußerst soliden Geschäftshandhabung, die später geradezu sprichwörtlich werden sollte.« Das Zitat aus der Festschrift zum 50. Geburtstag von Iwan Herstatt wirkt aus heutiger Sicht fast zynisch. Das Abschlusskapitel des Bankhauses Herstatt erlangt durch die aktuellen Geschehnisse im Bankensektor traurige Aktualität.

 

Zwei leere Sektflaschen von der Feier zu Iwan D. Herstatts 60. Geburtstag mit diversen Autogrammen, Köln, 16. Dezember 1973, dunkelgrünes Glas; H: 30 cm, Dm: 8,5 cm, Inv.-Nr. KSM 1988/655. Foto: rba_d033513


Autor: Sascha Pries

 

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