Schauprozess des Polizeistaats

Die Zeichnung dokumentiert einen öffentlichen "Kommunistenprozess" im Jahr 1852 - vier Jahre nach dem Revolutionsjahr 1848. Richter, Staatsanwälte, Angeklagte, Verteidiger und Geschworene sind bei der Sitzung im Appellationsgerichtshof ebenso anwesend wie interessierte Bürger im Vordergrund der Darstellung.

Showdown in Köln: Im Gericht, mit Öffentlichkeit und Geschworenen wie in einem Kinofilm. Den Revolutionären von 1848 wird der Prozess gemacht. Zu dumm, dass im Rheinland das französische Recht gilt und eine Aburteilung hinter verschlossenen Türen nicht in

<strong>Georg Osterwald (?)</strong>: <strong>Feder- und Bleistiftzeichnun, 1852.</strong> Foto: rba_d033407
Georg Osterwald (?): Feder- und Bleistiftzeichnun, 1852. Foto: rba_d033407

Die Anklage: Verschwörung zum Umsturz. Die Angeklagten: Mitglieder und vermeintliche Anhänger des »Bundes der Kommunisten«. Der Bund, 1847 in London gegründet, beteiligte sich unter anderem mit Marx und Engels an der Kölner Revolution, war aber seit 1850 zerstritten. Da wurde der Schneider Peter Nothjung mit belastenden Unterlagen aufgegriffen. Man sammelte Beweise. Im Oktober 1852 begann der Prozess.

Links erkennt man die Verteidiger, darunter »Dr. Schneider II«, hinter Gittern »die 11 Angeklagten «: von links nach rechts die Ärzte Roland Daniels und »über dem Kopf der Sphinx« Abraham Jabobi, der Zigarrenarbeiter Peter Gerhard Röser, der Publizist Heinrich Bürgers, Nothjung und der Verleger Hermann Becker. Angeklagt waren auch der Schneider Friedrich Lessner, der Chemiker Carl Wunibald Otto, der Arzt Johann Jacob Klein, der Büroangestellte Wilhelm Joseph Reiff und der Bankangestellte Albert Erhard. Der Dichter Ferdinand Freiligrath war nach London geflüchtet. Hier lebte auch Marx und ließ sich aus Köln berichten, bis die Briefschreiber verhaftet wurden.

In der Mitte sieht man die Richter und die Staatsanwälte von Seckendorff und Seadt, rechts die Geschworenen, in der Mehrheit Kölner Kaufleute. Vorn unter den Zuschauern sind viele Frauen, darunter die Braut Lessners.

Man wollte die Urheber der Revolution entlarven. Lächerlich, so wurde entgegnet: Dann müsse die eine »Hälfte der Stadt Köln über der anderen Hälfte (...) zu Gericht sitzen«. Marx witterte einen »Tendenzprozeß« der Klassenjustiz. Doch einige Geschworenen unterstützten die Angeklagten. Preußen zeigte sich als Polizeistaat, Varnhagen von Ense – kein extremer Linker – notierte: »preußische Richter, preußische Geschworne! Mir ist sehr weh!« Der Prozess wurde zur Farce, als aufflog, dass das Hauptbeweisstück gegen die »Partei Marx« gefälscht war. Demonstrationen und Solidaritätsbekundungen folgten. Die Anklage scheiterte.

Der König tobte: Die Linke habe »nur in Cöln & am Rhein Anhang, nicht im alten Preußen«. Die Zuständigkeit für politische Straftaten wurde später nach Berlin verlegt.

Am 12. November 1852 war das Gericht vom Militär umstellt. Die Urteile richteten sich gegen politische Gesinnungen. Röser, Nothjung und Bürgers wurden zu sechs, Becker, Otto und Reiff zu fünf, Lessner zu drei Jahren Festungshaft verurteilt, die Übrigen freigesprochen. Die Staatsanwälte wurden vom König mit dem Adlerorden ausgezeichnet. Daniels starb 1855 an den Folgen der Haft. Röser und Nothjung engagierten sich im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, Lessner gründete in London die Labour Party, Jacobi wurde in den USA zum Vater der Kinderheilkunde. Andere machten in Köln Karriere: Klein wurde Kölner Stadtverordneter, Erhard eröffnete ein Bankgeschäft.

Becker und Bürgers, einst Staatsfeinde, wurden im Kaiserreich Wortführer der Fortschrittspartei. Der »rote Becker«, so genannt wegen seiner Haarfarbe und politischen Vergangenheit, wurde 1870 Oberbürgermeister von Dortmund. 1875 kehrte er triumphal in die ihm einst verbotene Stadt zurück: als Kölner Oberbürgermeister.

Die Zeichnung ist bis heute in Geschichtsbüchern verbreitet. Das Museum erwarb sie 1897 im Kölner Auktionshaus Lempertz für 15 Mark. Der Zeichner ist vielleicht Georg Osterwald (1803–1884), mit dessen Nachlass sie erworben wurde – ihr Stil ähnelt einer anderen Prozesszeichnung aus diesem Konvolut, die von ihm stammt. Der Zeichner nahm die Rolle eines Gerichtsreporters, weniger eines Künstlers ein. Er dokumentierte in Bild und Wort ein weit über Köln hinaus beachtetes Ereignis. Auch der Holzstich, der nach dieser Vorlage am 20. November 1852 in der Leipziger Illustrierten Zeitung erschien, befindet sich im Kölnischen Stadtmuseum.

Georg Osterwald (?), Köln 1852, Bez. unten rechts: IM, Feder- und Bleistiftzeichnung, Blatt: H: 21 cm, B: 32 cm, Motiv: H: 16,3 cm, B: 22,7 cm. Inv.-Nr. HM 1897/27. Erworben im Auktionshaus Lempertz 1897 für 15 Mark. Foto: rba_d033407


Autor: Mario Kramp

 

Newsletter


Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und stimme dem Erhalt des Newsletters zu.


Kölnisches Stadtmuseum

Zeughausstraße 1–3
50667 Köln
Kasse: 0221/221-22398
Nur montags: 0221/221-25789
Fax: 0221/221-24154
E-Mail: ksm@museenkoeln.de

 

Öffnungszeiten

Dienstag: 10–20 Uhr
An Feiertagen bis 17 Uhr
Mittwoch bis Sonntag: 10–17 Uhr
KölnTag (1. Donnerstag im Monat): 10–22 Uhr
montags geschlossen

 

Eintrittspreise

Ständige Sammlung
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Sonderausstellungen
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Kombikarte 
€ 7,50, ermäßigt € 5,00