Schäl Sick

Das Aquarell »Ansicht von Deutz« des Deutzer Malers Wilhelm Scheiner, entstanden um 1900, ist eine bis ins letzte Detail präzise Abbildung des Deutzer Rheinufers zur damaligen Zeit. Dank dem höchst modernen Verfahren, den zu malenden Gegenstand erst zu fotografieren, um ihn dann im Atelier per Projektion auf Malkarton zu bringen, war es Schreiner möglich, alle rechtsrheinischen Highlights fotografisch genau abzubilden. Gut zu erkennen sind von rechts St. Heribert, die Schiffbrücke, der Bahnhof der Bergisch-Märkischen Eisenbahn und ganz links im Bild die Kavallerie-Kaserne.

<strong>Wilhelm Scheiner: Ansicht von Deutz</strong>, um 1900. Foto: rba_c000380
Wilhelm Scheiner: Ansicht von Deutz, um 1900. Foto: rba_c000380

Was mag Wilhelm Scheiner (1852–1922) bloß bewogen haben, einen nicht unerheblichen Aufwand für die Darstellung einer eher unspektakulären Ansicht der Deutzer Rheinseite zu betreiben, die gerade einmal zehn Jahre zuvor von Köln eingemeindet worden war? War es der sentimentale Blick auf die Atelierwohnung in Deutz, die sein Vater Jakob Scheiner als freischaffender Künstler 1872 bezogen hatte und in der er seit 1883 mit ihm in Ateliergemeinschaft zusammenarbeitete? Oder war es die künstlerische Herausforderung, zu zeigen, mit welcher Akkuratesse er mit feinem Pinselstrich eine atmosphärische Stimmung aus Wolken und nuancenreichen Spiegeleffekten im träge dahinfließenden Vater Rhein einfangen und wie er mit den sich im Bildhintergrund entlangziehenden Rauchschwaden aus den Kalker Industrieschornsteinen sogar eine gewittrige Dramatik erzeugen konnte? Oder lag ihm doch in erster Linie der schmale Streifen in der Bildmitte, der das Deutzer Rheinufer mit fotografischer Genauigkeit festhält, am (dokumentarischen) Herzen?

Auf diesem Streifen erfasst das aufmerksame Auge rechts zuerst die vom Düsseldorfer Architekten Caspar Clemens Pickel parallel zum Rhein in NordSüd-Richtung erbaute neoromanische Kirche Neu St. Heribert (1891–1896), die zum Zeitpunkt der Entstehung des Aquarells wohl gerade erst vollendet worden war. Ihre beiden markanten Fassadentürme mit den Rautendächern (keine Pickel-Hauben!) orientieren sich am staufischen Westturm von St. Aposteln und wurden in dieser Form nach schweren Kriegszerstörungen nicht wieder rekonstruiert. Sodann rückt nördlich der just für den Schiffsverkehr geöffneten Deutzer Schiffsbrücke von 1823 der Querriegel des Bahnhofs der Bergisch-Märkischen Eisenbahn ins Blickfeld, der den Stadtteil Deutz vom Rheinufer regelrecht abschneidet. 1882 bis 1885 errichtet, war er der Zielbahnhof der Strecke von Elberfeld nach Köln. Er wurde bereits 1913 wieder außer Betrieb genommen und sein Damm in den 1920er Jahren zur Promenade umgestaltet. Dessen Beseitigung im Rahmen des Projektes »Rheinboulevard« führte unlängst zu kontroversen Diskussionen. Der lang gestreckte Bau der Deutzer Kavallerie-Kaserne bildet schließlich links das Ende des Panoramaausschnitts. Vom Kölner Regierungsbaumeister Matthias Biercher, dem Architekten des Gefängnisses am Klingelpütz, 1823 vollendet, bezog hier zwischen 1850 und 1918 das glorifizierte wie berüchtigte rheinische Kürassier-Regiment »Graf Gessler« Quartier. Durch Seitenflügel erweitert, eröffnete hier 1936 die Vorgängerinstitution des Kölnischen Stadtmuseums unter dem Namen »Haus der Rheinischen Heimat«.

Die exakte Wirklichkeitswiedergabe spiegelt das künstlerische Verfahren wider, das Scheiner anwandte. Seine ihm attestierte »getreue Wirklichkeitskunst« (Hans Kruse) basiert auf dem professionellen Einsatz der Fotografie. Während Scheiners Vater noch in der Natur zeichnete, vertraute der Sohn dem neuen Medium. Für die Fotografie wählte er einen Standort Höhe Leystapel, Ecke Filzengraben. Im Atelier erfolgte dann die fotografische Projektion mit Hilfe eines selbst konstruierten Vergrößerungsapparates auf Leinwand bzw. Aquarellkarton, auf dem er anschließend die Konturen mit dem Bleistift fixierte. Dieses für seine Zeit ausgesprochen moderne Verfahren sollten die Fotorealisten in den 1970er-Jahren wieder für sich entdecken.

 

Wilhelm Scheiner: Ansicht von Deutz, Köln, um 1900, Aquarell, H: 42,5 cm, B: 63 cm, Inv.-Nr. HM 1923/17. 1922 Nachlass Wilhelm Scheiner, Erbe Dr. Hans Kruse, Siegen (Heimatforscher, 1911– 1941 Leiter des Siegerlandmuseums und mit Scheiner befreundet) – 1923 von Kruse mit vier weiteren Aquarellen an das Historische Museum verkauft. Foto: rba_c000380


Autor: Dr. Ulrich Bock

 

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