Ritterschlag oder Tod – ein Spiel für die Jugend

Das Mittelalter war im 19. Jahrhundert beliebt. Bei diesem Spiel wartete am Ende der Tod – oder der Ritterschlag auf die Spieler. Der Jugend wurden nebenbei spielerisch bürgerliche Bildung und angemessenes Sozialverhalten vermittelt.

<strong>„RITTER-SPIEL – ein Gesellschaftsspiel für die Jugend“, </strong> um 1845. Foto: rba_d033557_02
„RITTER-SPIEL – ein Gesellschaftsspiel für die Jugend“,  um 1845. Foto: rba_d033557_02

Im 19. Jahrhundert war die Kindheit als eigenständiger Lebensbereich so weit in Ober- und Mittelschichten verankert, dass sich die Produktion von Spielzeug in höheren Auflagen, also jenseits des handwerklich oder privat hergestellten Einzelprodukts, lohnte: Das Spiel musste erst einmal entwickelt, für Ritterfiguren aus Keramik Modelle hergestellt, der Spielplan nach einem künstlerischen Entwurf gedruckt, ansprechende Verpackungen produziert werden – das rechnete sich erst ab einer gewissen Verkaufsmenge. Dabei muss man sich aber vor Augen halten, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung sich nichts Derartiges leisten konnte. In Deutschland lebten erst nach der Reichsgründung 1871 höchstens zehn Prozent der Familien ohne materielle Sorgen.

»Gesellschaftsspiele« – namentlich solche »für die Jugend« (womit meist die männliche Jugend gemeint war) – hatten neben dem Aspekt des (kontrollierten) Zeitvertreibs auch erzieherische Aufgaben: Sie vermittelten »bürgerliches Bildungswissen«, aber auch angemessenes Sozialverhalten beim Gewinnen und Verlieren, das Einhalten ziemlich willkürlich gesetzter Regeln, das Vermitteln bürgerlicher Moralvorstellungen.

Dabei orientierte man sich aber durchaus am Zeitgeist, und der schwärmte – nicht zuletzt im Zuge der Thronbesteigung des »Romantikers auf dem Thron«, des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. – für alles, was mit Mittelalter und Rittern zu tun hatte, seien es Rheinburgen, der Kölner Dom oder eben Ritter. Bis zum Ende des Zweiten Kaiserreichs blieb zudem die Nobilitierung, also quasi der »Ritterschlag«, der Wunschtraum vieler Deutscher.

Auf einem Spielplan, der zusammengeklappt in einem Pappschuber aufbewahrt wurde und der in der Mitte im Weinlaub Lanze, Helm und Schwert zwischen Kölner Stadt- und Reichswappen zeigt, kann man in 62 Spielfeldern den Weg zum Ritter gehen. Bis dahin begegnen den Spielern allerlei mittelalterliche Gestalten wie Jakobspilger, Zwerg, Bettelmönch, Eremit sowie Baulichkeiten wie Gasthäuser und Burgen. Auch Köln erscheint mit Dombaustelle und Bayenturm. Die Spieler können positive Überraschungen erleben, aber ebenso im Kerker landen. Am Ende gibt es zwei Möglichkeiten: Springt man auf Spielfeld 60, fällt man auf dem Feld der Ehre und wird ritterlich beerdigt. Spielfeld 61 hingegen bietet den Ritterschlag, so kann man in Feld 62 zwischen die Turnierschranken treten. Leider fehlt die Spielanleitung.

Die acht weißen Spielfiguren sind aus Porzellan, alle stehen auf grünem Gras, haben einen schwarzen Bart, grauen Helm und einen grau-orangfarbenen Schild. Die Zahlen »1« bis »8« sind nicht nur aufgemalt, jede einzelne Zahlen-Figur wurde in einer eigenen Form hergestellt. Möglicherweise stammen sie aus einer der Kölner Porzellanmanufakturen: Engelbert Cremer & Sohn in Nippes, J. W. Bruckmann Söhne in Deutz oder Wirz & Riffart, ebenfalls in Nippes. Der Verleger »Friedr. Werner« ist in Kölner Adressbüchern nicht nachweisbar, möglicherweise nutzte jemand ein Pseudonym.

Hingegen handelt es sich bei dem Gestalter des Spielbretts, David Levy Elkan, um den renommiertesten Kölner Lithographen seiner Zeit. Er wurde 1808 als David Levy in Köln geboren, seine Eltern hatten sich drei Jahre zuvor in Köln niedergelassen. Im Zuge der napoleonischen Verordnungen nahm der Vater, ein jüdischer Privatlehrer, den Familiennamen Elkan an. David absolvierte eine handwerkliche Ausbildung, die er 1834/35 mit dem Meistertitel abschloss. Um 1837 gründete er eine Steindruckerei, die er später um Kupfer- und Stahlstichateliers erweiterte. Schnell wurden seine kolorierten Arbeiten im Stil mittelalterlicher Miniaturen beliebt. Seine bedeutendsten Auftraggeber waren die katholische Kirche und der ZentralDombau-Verein. Der Lokalpatriot David Levy Elkan engagierte sich zeitlebens nicht nur für die jüdische Emanzipation, er war auch ein aktiver 1848er. 1859 zog er mit seiner großen Familie nach Düsseldorf, wo er das bankrotte Unternehmen Arnz & Cie übernommen hatte und es als Lithogr. Inst. Levy Elkan, Bäumer & Cie bis 1864 fortführte. In diesem Jahr kehrte er nach Köln zurück. Hier erlag er am 1. Juli 1865 beim Besuch des Sabbatgottesdienstes in der Synagoge einem Schlaganfall.

 

Figuren und Würfel zum RITTER-SPIEL. Acht bemalte Ritterfiguren, nummeriert 1 bis 8, und zwei Würfel aus Porzellan in einem Pappkarton mit blauem Etikett mit goldener Aufschrift, Karton B: 12,8 cm, T: 4,3 cm, H: 2,2 cm, Inv.-Nr. HM 1892/67. Tausch mit Frhr. Bart. Marx, Köln-Nippes [dort aber 1891/92 nicht nachweisbar] gegen Kinderspielzeug-Figuren und einen Steinzeug-Krug im Wert von 52 Mark.

zugehörig: Das RITTER-SPIEL – ein Gesellschaftsspiel für die Jugend. Spielplan auf Pappe, auseinandergeklappt 54,2 x 37,9 cm, Schuber 26 x 20 cm, Farblithografie von David Levy Elkan, hg. v. Friedrich Werner, Koln, um 1845, Inv.-Nr. HM 1910/307. Spielplan: Ankauf von Wilh. Volck, Köln-Lindenthal.
Foto: rba_d033557_02


Autor: Rita Wagner M. A.

 

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