Relikt aus dem analogen Zeitalter

Das Schreibheft des zehnjährigen Friedrich Hufeland schildert über den Zeitraum von sechs Monaten, was im Jahr 1784 einen Schüler an kalligrafischen Übungen, philosophischen Sentenzen und geografischen Betrachtungen beschäftigte. Friedrich brachte es später zum Professor für Medizin an der Berliner Universität. Wie sein Übungsheft nach Köln geriet, ist völlig unbekannt.

»Hufeland d. 26. Aug. 1784«, Schreibheft. Foto: rba_d033567
»Hufeland d. 26. Aug. 1784«, Schreibheft. Foto: rba_d033567

Vielleicht werden sich in einer nicht so fernen Zukunft die handschriftlichen Alltagszeugnisse auf Einkaufszettel und Geburtstagskarten beschränken, falls dies nicht auch noch anderen Anwendungen zum Opfer fällt und die Frage nach der individuellen Handschrift oder gar Schönschrift allmählich obsolet wird.

Wie das Heft mit Schreibübungen aus dem Jahr 1784 belegt, war das vormals anders. Darin übte sich der zehnjährige Friedrich Hufeland (1774– 1839) in korrekter Federhaltung und Anwendung wie in der kalligraphischen Gestaltung kurzer Texte: Sentenzen, Anekdotisches, Aphorismen und geographische Betrachtungen über europäische Städte und Regionen waren die Themen dieser Übungen, wie zum Beispiel die folgende, die er Aristoteles andichtet: »Ariostoteles (sic!) wurde von einem Schwäzer auf der Straße / aufgehalten welcher ihm viel läppisches Zeug erzählte und dabey / immer ausrief: Ist das nicht wunderbahr! So wunderbahr nicht, / sagte der Philosoph, als dieses daß ein Mensch, der seine Sinne noch / hat, still stehet, und dein Beschwätz anhöret« (Bl. 5r).

Friedrich verwandte ein knappes halbes Jahr von August bis Dezember, die 39 Blätter seines Schreibhefts zu füllen, das im vorderen und hinteren Innendeckel liebevoll mit zwei Aquarellen ausgestattet ist, die Blumenarrangements darstellen und womöglich vom Sujet her nicht von seiner Hand, sondern der seiner Schwester oder einer anderen weiblichen Verwandten stammen.

Dennoch schlug er keine Karriere als Kalligraph oder Notar ein; er wurde Arzt wie sein Bruder Christoph Wilhelm Hufeland (1762–1836), der zum Hofmedicus in Weimar avancierte. Friedrich brachte es immerhin zum Professor für Medizin an der Berliner Universität. Er galt als Vertreter des Mesmerismus, über den er auch 1811 die Schrift mit dem schönen Titel »Ueber Sympathie« veröffentlichte, in der er sich mit der Wirkung der organischen Körper untereinander und ihrer Wechselwirkung mit der Natur beschäftigte.

Auf welchen Wegen und über welche Besitzer das Heft nach Köln geriet, ist nicht überliefert. Das Museum erhielt es 1935 als Überweisung des Wohlfahrtsamts, das es seinerseits womöglich aus einem Nachlass erhalten hatte und den antiquarischen Autographen dahin überstellte, wo er wohl am ehesten gut aufgehoben war. Und das bis heute.

 

»Hufeland d. 26. Aug. 1784«, Schreibheft mit Titelschild, Papier, Tinte, Aquarell, 39 gez. Bl.; H: 16 cm, B: 21 cm (geschlossen), Inv.-Nr. HM 1935/135 = Bibl. Auto 59. Überweisung vom Wohlfahrtsamt der Stadt Köln, 1935. Foto: rba_d033567


Autor: Beatrix Alexander

 

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