Protokoll einer Stadt in Trümmern

Als der Kölner Künstler Raffael Becker 1945 aus Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt zurückkehrt, findet er Köln zerstört vor: 1,5 Millionen Bomben waren während des Krieges auf die Stadt gefallen. In den Trümmern seines Elternhauses im Stadtteil Sülz baut er sich eine provisorische Unterkunft, in der er in den folgenden zwei Jahren lebt und arbeitet. In dieser Zeit entstehen seine Zeichnungen vom Leben der Kölner in den Ruinen, von Not und Hunger, täglichem Mühsal, wiederwachendem Alltag, von Schwarzmarkt und Besatzungstruppen.

<strong>Raffael Becker: De Mama hät jesaat, wenn dr decke Pitter widder lück, es alles widder jot</strong>, Köln, 1946. Foto: rba_d030589
Raffael Becker: De Mama hät jesaat, wenn dr decke Pitter widder lück, es alles widder jot, Köln, 1946. Foto: rba_d030589

Mit dem 1.000-Bomber-Angriff in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 begannen die großen Luftangriffe auf Köln. Was die Luftwaffe im von NaziDeutschland entfesselten Krieg in Warschau, Rotterdam oder Coventry anrichtete, schlug nun auf die deutschen Städte zurück. In Köln etwa beim Angriff am 29. Juni 1943, im Oktober 1944 und beim letzten großen Luftangriff auf die Kölner Altstadt am 2. März 1945. Bis 1945 sollen 1,5 Millionen Bomben auf Köln gefallen sein, was insgesamt etwa 20.000 Opfer gefordert haben soll. Vier Tage später, am 6. März 1945, befreiten US-Truppen das linksrheinische Köln, wo nur noch etwa 40.000 Menschen hausten. Für sie war der Krieg zu Ende. Ab dem Sommer 1945 kehrten die Kölner zurück in ihre Stadt. Wie würden sie zurechtkommen inmitten von Zerstörung, Not und Hunger?

Auch Raffael Becker kehrte im Jahr 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Als er über die Neusser Straße auf den Adolf-Hitler-Platz (den heutigen Ebertplatz) zulief, fand er die Stadt in Trümmern. Allein der Dom überragte, einem Torso gleich, die Trümmerwüste. »Zutiefst berührt, erschrocken und erschüttert kam dann später auch eine Art von Glücksgefühl auf. Man war wieder zu Hause« – und man lebte. Sein Weg führte ihn direkt nach Sülz, wo er und seine Familie vor dem Krieg gelebt hatten. Der junge Graphiker fing an, sich in den Trümmern seines Elternhauses eine notdürftige Unterkunft aus Dachlatten und Linoleum zu bauen.

Hier entstanden zwischen 1945 und 1947 seine Bilder vom Leben der Kölner in den Ruinen – Zeichnungen mit Bleistift und Tusche. Teils farbig aquarelliert und doppelseitig, versah er die Zeichnungen mit kölschen Kommentaren, Titeln oder Dialogen. Das Papier hierzu tauschte oder fand Becker auf seinen »Versorgungswegen« quer durch die Stadt. Teilweise nutzte er auch die Rückseiten von Werken, die er vor dem Krieg anfertigte und die den Bombenkrieg in Mappen im Keller seines Elternhauses überstanden hatten.

Über Jahre hinweg fertigte er so ein präzises Protokoll der Lebensumstände der Kölner an. Ob Not und Hunger, tägliche Mühsal, wiedererwachender Alltag, Schwarzmarkt, »Fringsen«, der Umgang mit den Besatzungstruppen oder einfach nur das Spiel der Kinder inmitten der zerstörten Veedel – Becker dokumentierte seine Beobachtungen und Erlebnisse oder brachte aufgeschnappte Wortfetzen ins Bild.

So entstand auch diese Tuschezeichnung, die zwei Geschwister, eingehüllt in notdürftig zusammengeklaubte Kleidungsreste, zeigt. Unterwegs zu einem unbekannten Ziel durch eine geschwärzte Trümmerschlucht, die rechts und links entlang ihres Weges emporragt. Im Hintergrund ragt angedeutet die Silhouette des Doms aus den Trümmern dem Himmel entgegen. Unterschrieben ist das Bild mit den Worten, die zwischen den Geschwistern fielen: »De Mama hät jesaat, wenn d‘r decke Pitter widder lück, es alles widder jot« (Die Mama hat gesagt, wenn der Dicke Pitter wieder läutet, ist alles wieder gut). Keinesfalls wird hier das Geschehene der letzten Jahre bagatellisiert und mit dem Läuten des Dicken Pitter weggewischt und aus den Köpfen verdrängt. Vielmehr wird durch Bild und Satz, vor dem Grad der enormen Zerstörung, Zeugnis abgelegt für die große Hoffnung und heilende Kraft, die man mit dem Dom in diesen Zeiten verband.

Anlässlich seines 90. Geburtstags im Jahr 2012 schenkte Raffael Becker 27 seiner Nachkriegszeichnungen dem Kölnischen Stadtmuseum, darunter auch dieses Bild. Mal bedrückend, mal von rheinischem Witz durchdrungen, sind die Bilder dieser Reihe authentische Dokumente der Kölner Geschichte und geben einen Einblick in eine Zeit, die uns heute so fern erscheint.

 

Raffael Becker: »De Mama hät jesaat, wenn dr decke Pitter widder lück, es alles widder jot«, Köln, 1946, Tusche auf Papier, H: 50 cm, B: 32,5 cm, Inv.-Nr. G 28341. Foto: rba_d030589


Autor: Stefan Lewejohann

 

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