Preiswerter Prunk für Preussen

Die Ansicht der »Zuckerseite« der Stadt Köln von Deutz aus ist festgehalten auf der Prunkvase des Berliner Porzellanfabrikanten Friedrich Adolph Schumann (1808–1851), gewidmet einem leider nicht bekannten »verehrten Jubelpaar zum Andenken an den 10ten August 1856«.

<strong>Vase mit Ansicht von Köln, </strong>Maler: Gansauge (?), Porzellanmanufaktur Friedrich Adolph Schumann Berlin. Foto: rba_d033543_01
Vase mit Ansicht von Köln, Maler: Gansauge (?), Porzellanmanufaktur Friedrich Adolph Schumann Berlin. Foto: rba_d033543_01

Die Vorderseite zeigt das Kölner Rheinpanorama, noch ganz im Geist der Romantik. Man erkennt die hölzerne Schiffsbrücke, die seit 1822 eine Verbindung vom Holzmarkt zur Deutzer Freiheit über den Rhein schuf – ein Notbehelf auf 40 Nachen, der in der Mitte dreimal täglich für den Schiffsverkehr geöffnet werden musste und weder gegen Hochwasser noch Treibeis gefeit war. Dabei war die neue Brücke für Eisenbahn und Straße, die Muusfall, Vorgängerin der Hohenzollernbrücke in der Achse des Doms, seit 1855 in Bau – ebenso wie der Dom selbst. Hier aber scheint die Zeit stehen geblieben.

Die Vase entstand in Berlin. In Moabit produzierte Friedrich Adolph Schumann seit 1834 Tee-, Kaffee- und Tafelgeschirr, später auch repräsentative Einzelstücke. Damit machte er der KPM (Königlich-Preußische Porzellanmanufaktur) mächtig Konkurrenz, die ihre Modelle im veralteten Stil des Klassizismus anbot. Schumann dagegen setzte auf die neue »Moabiter baroque Form« mit luxuriösen Verzierungen mit überbordendem Rocaille-Schmuck. Die Vase zeigt ebenso wie ihr nicht abgebildetes Pendant den nun gefragten Stil des Neurokoko wie die in Moabit entwickelte Methode der Glanzvergoldung. Die nicht abgebildete beschädigte Vase gibt Einblick in den Produktionsprozess: Einzelteile wurden in Serie hergestellt und dann mit Metallstangen verschraubt. Eine weitere Vase gleichen Stils mit der Ansicht des Kölner Regierungsgebäudes entstand 1850 (HM 1911/6). 

Schumanns erschwingliche Vasen erreichten zwar nicht die Qualität von Meißen – dafür aber ein breites Publikum. 1846 war er größter Porzellanproduzent Deutschlands. Politisch engagiert, schuf der Sympathisant der 1848er Revolution eine Sozialversicherung für seine Arbeiter. Nach seinem Tod meldete die Manufaktur 1880 Konkurs an und hinterließ die Liegenschaft dem Meiereibesitzer Bolle, der als Lebensmittelhändler hier eine weitere legendäre Berliner Karriere startete.

Wir kennen nicht das »verehrte Jubelpaar«, dem die beiden Prunkvasen 1856 zur Goldenen oder Silbernen Hochzeit überreicht wurden. Aber wir kennen die stolzen Stifter, die ihre Namen haben einschreiben lassen: Die von Vietinghoff stellten preußische Offiziere, auch die von Wnuck, die von Wülcknitz und die von Trotha. Familie von Vahlkampf brachte leitende Beamte und Militärs hervor, ebenso Familie von Wedell, verwandt mit dem Kölner Regierungspräsidenten. Karl Bernhard von Stülpnagel war seit 1855 Kommandeur der 4. Kavallerie-Brigade in Köln, Oskar Ernst Karl von Sperling preußischer Generalmajor, sein Sohn, 1850 in Köln geboren, wurde hier später Militärgouverneur. Gustav Adolf von Ziegler wurde 1860 Kommandant der Festung Ehrenbreitstein – und führender Freimaurer. Auch die Söhne der Familie von Rappard waren Beamte und Offiziere. Nur ihr berühmtester Spross Conrad von Rappard nicht: Als linksliberaler Abgeordneter der Paulskirche mit dem Kölner Demokraten Jakob Venedey befreundet, verteidigte er jene Revolution, die von den bewaffneten Angehörigen der übrigen Jubilanten niedergeworfen wurde. Er floh 1849 vor lebenslanger Festungshaft über London und Paris in die Schweiz. Hier lebte er im Exil, als seine Fami- lienangehörigen die Prunkvasen in Köln überreichten: ein Netzwerk preußischer Funktionärs- und Militärelite.

Dazu gehörte auch die Familie von Loßberg, aus deren Besitz die beiden Vasen stammen. Sie stellte hohe Offiziere im kaiserlichen Heer, in der Wehrmacht und später in der Bundeswehr. Am 30. September 1924 verkaufte »Oberstleutnant a. D. von Lossberg« aus Wetzlar dem Historischen Museum die beiden Vasen für je 200 Mark. Einen Monat später wurde sein Verwandter Friedrich von Loßberg Oberbefehlshaber des Gruppenkommandos 1 in Berlin und zweithöchster Offizier des Reichsheeres.

 

Vase mit Ansicht von Köln, Maler: Gansauge (?), Porzellanmanufaktur Friedrich Adolph Schumann Berlin, im Boden: blaue Marke SPM mit preuß. Adler, Aufschrift rückseitig: »Dem verehrten Jubelpaar zum Andenken an den 10ten August 1856 / von Rappard. / von Trotha I. / Richrath. / Baron von Vietinghoff gen. Scheel. / Röszler. / Vahlkampf. / Rogge. / von Wedell. / von Stülpnagel. / von Wnuck. / von Sperling. / von Wülcknitz. / Schreiber. / von Ziegler.« Porzellan, bemalt, teilvergoldet, H: 54 cm, Inv.-Nr. HM 1924/40. In Bruchstücken erhaltene Vase mit Darstellung des Regierungsgebäudes Am Hof: Aufschrift rückseitig: »Dem verehrten Jubelpaar zum Andenken an den 10ten August 1856« mit Namen weiterer Gratulanten, Inv.-Nr. HM 1924/41. Ankauf 1924 von Oberstleutnant a. D. von Loßberg, Wetzlar, Silhöfertorstraße 20, für je 200 Mark. Foto: rba_d033543_01


Autor: Dr. Mario Kramp

 

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