Politische Terrine

Nach Auflösung der Gaffeln gelangte diese Prunkterrine in Kölner Privatbesitz und wurde mit dem Wappen der Familie Herweg graviert. Terrine, Schale und Löffel waren im 18. Jahrhundert für die reiche Kölner Kaufmannsgaffel Himmelreich in Augsburg, dem Zentrum der deutschen Goldschmiedekunst, gefertigt worden.

<strong>Terrine, Schale und Löffel aus dem Gaffelhaus der Gaffel Himmelreich, </strong>Mitte des 18. Jahrhunderts. Foto: rba_d033533
Terrine, Schale und Löffel aus dem Gaffelhaus der Gaffel Himmelreich, Mitte des 18. Jahrhunderts. Foto: rba_d033533

Mitte des 18. Jahrhunderts ließen die Genossen der vornehmen Gaffel Himmelreich eine Terrine in Augsburg, einem Zentrum der deutschen Goldschmiedekunst und bekannt für seine phantasievollen Rokoko-Deckelterrinen, anfertigen. Die Künste der Kölner Handwerker befriedigten offensichtlich die Ansprüche der weltgewandten Handelsherren nicht mehr.

Die beiden Silberschmiede dieses Ensembles gehörten zu den besten, die Augsburg in der Mitte des 18. Jahrhunderts aufzuweisen hatte. Salomon Dreyer (1699–1762), seit 1714 in Augsburg als Gold- und Silberschmied nachweisbar, arbeitete unter anderem für den sächsischen Hof. 1761 und 1762 war er Geschaumeister. Sein Kollege Emanuel Gottlieb Oernster (1718–1767) war seit 1733 in Augsburg tätig. 1764 fertigte er den von der Fürstäbtissin von Säckingen gestifteten Fridolinsschrein für Münster; von ihm stammen auch Teile des Tafelsilbers für Hildesheim und des Fürsten von Thurn und Taxis. Die Augsburger waren auch bekannt für ihre ausgezeichnete Emailmalerei. Das emaillierte Wappen im Griff der Deckelterrine zeigt das Wappen der Kölner Gaffel Himmelreich: Im himmelblauen Orbit erscheinen unter einer goldenen Krone die Sonne, ein Halbmond und Sterne, ebenfalls in Gold.

Im Laufe der Weberherrschaft 1370/71 hatten sich Kölner Händler nach dem Vorbild der Gaffel Eisenmarkt in weiteren Verbänden zusammengeschlossen. Während in der Gaffel Windeck vornehmlich Neubürger anzutreffen waren, fand man in der Gaffel Himmelreich eher die (reichen) Weinhändler. Im September 1396 hatten die Kölner Kaufleute und Handwerker der Herrschaft der örtlichen Geschlechter ein Ende gesetzt und sich mit dem Verbundbrief eine neue Verfassung gegeben. Nun erforderte die Reform der Ratsherrschaft eine Neuordnung der städtischen Gesellschaft, und da die Kaufleute die eigentlichen Gewinner des Umsturzes waren, hatten sie die Bedingungen der Neuordnung vorgegeben. Die gesamte Bürgerschaft wurde in 22 Gaffeln eingeteilt, die sich aus Kaufleuteverbänden wie der Gaffel Himmelreich und Handwerkerzünften, in Köln Ämter genannt, zusammensetzten und die ihrerseits das politische Personal wählten. Zentrum war das jeweilige Gaffelhaus, das entsprechend ausgeschmückt wurde, sei es als Stiftung wohlhabender Gaffelgenossen oder aus der gemeinsamen Kasse. Das Gaffelhaus Himmelreich befand sich seit 1416 in der Straße Auf dem Himmelreich, die nach der Gaffel benannt war.

Der Auftraggeber dieses Silberensembles ist nicht bekannt – möglicherweise war es die Gaffel selbst, vielleicht war es aber auch ein Geschenk eines der vermögenden Mitglieder. Diese kostbare Terrine gelangte über den Nachlass von Franz Jacob von Herweg (1773–1848) nach Düsseldorf an die Familie von Weise. Nachdem das Ensemble den Besitzer gewechselt hatte, wurden Löffel, Schale, Terrine und Terrinendeckel mit dem Familienwappen der von Herwegs – einem goldenen Schrägbalken in schwarzem Feld, gekrönt von einer Freiherrnkrone – versehen. Die wohl in Köln erfolgten Gravuren weichen erheblich von der hochklassigen Augsburger Arbeit ab.

Franz Jacob Herweg stammte aus einer bedeutenden Kölner Kaufmanns- und Bürgermeisterfamilie, die der Gaffel Himmelreich angehört hatte. Nach Aufhebung der Gaffeln kam die Terrine in seinen Besitz. Als vermögender Rentier hatte er wohl genügend Zeit, sich unentgeltlich um die Belange seiner Vaterstadt zu kümmern. So war er 1801 bis 1814 Munizipalrat zu Köln und 1800 bis 1816 Beigeordneter, dann bis 1846 Mitglied der Stadtverordnetenversammlung. Er war zudem langjähriger Präsident der Armenverwaltung.

1800 heiratete er Agatha von Weise (1773–1847). Das Ehepaar blieb kinderlos, sodass der Familienbesitz an die Familie von Weise kam. Mit Stefan Lochners »Muttergottes in der Rosenlaube« hinterließ Franz Jacob dem »Städtischen Museum« (Wallraf-Richartz-Museum) eines seiner wichtigsten Bilder. Vielleicht pflegte die Familie Herweg unter dem Blick der Madonna aus der Terrine zu speisen?

 

Terrine, Schale und Löffel aus dem Gaffelhaus der Gaffel Himmelreich, Augsburg, Mitte des 18. Jahrhunderts. Schale: Salomon Dreyer, Augsburg, 1739, Silber, getrieben; H: 4,2 cm, B: 54 cm, T: 31 cm. Terrine und Servierlöffel: Emanuel Gottlieb Oernster, Augsburg, 1755, Silber, teilvergoldet, getrieben, gegossen, graviert; Email. Terrine: H: 34 cm, B: 47 cm; Löffel: Gesamt-L: 44 cm, Kelle: L: 8,7 cm. Inv.-Nr. HM 1929/412 a–c. Ankauf von Frau von Weise, Düsseldorf, für 3.000 Reichsmark. Foto: rba_d033533


Autor: Rita Wagner M. A.

 

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