Miez, miez, miez ...

Das Heizkissen »Pussy« gehört zu den dinglichen Zeugen für eine neue Art der Freizeitgestaltung in den 1960er Jahren. Mit der Einführung der 5-Tage-Woche und dem 8-Stunden-Tag vergrößerte sich die freie Zeit der Menschen und während die Freizeit zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch hauptsächlich öffentlich in Wirtshäusern, Kinos und Parks genutzt wurde, zog man sich mit Aufkommen von Radio- und dann vor allem in den 1960ern von Fernsehgeräten mehr und mehr in die eigene Wohnung zurück. Der Markt für zurückgezogene Freizeitgestaltung boomte – und damit auch das Angebot an »Wellness«produkten.

<strong>Heizkissen »Pussy« mit Karton</strong>, Ulm, um 1960. Foto: rba_d033566.
Heizkissen »Pussy« mit Karton, Ulm, um 1960. Foto: rba_d033566.

Für die Entwicklung der Konsumgesellschaft, die in den 1930er Jahren aufkeimte und – durch den Zweiten Weltkrieg gehemmt – in den 1950er Jahren das Wirtschaftswunder beflügelte, gab es zwei zentrale Voraussetzungen: Geld und Zeit. Die Menschen mussten sich die Waren leisten können, und sie brauchten Freizeit, um sie benutzen zu können.

Der Freizeitbegriff entwickelte sich erst in der Zeit um 1900. Die tägliche Arbeitszeit sank von durchschnittlich zwölf auf neun Stunden pro Tag. Allerdings wurde die Freizeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch traditionell, das heißt öffentlich genutzt: Jahrmärkte, Wirtshäuser und Kneipen, Kinos und Volksbühnen, aber auch Naherholungsgebiete und Parks waren die Hauptziele.

Erst im Verlauf des Jahrhunderts »privatisierte« sich das Freizeitvergnügen. Radios, Stereoanlagen, Fernsehgeräte, elektrisches Spielzeug und elektrische Wellnessartikel wie das Heizkissen »Pussy« waren für die Freizeit gedacht, die in der eigenen Wohnung stattfand. Mit der Einführung der 5-Tage-Woche und dem 8-Stunden-Tag in den späten 1950er und 1960er Jahren vergrößerte sich die Freizeit sogar noch.

Das Kissen stammt vermutlich aus der Zeit um 1960. Auf der Packung steht der Hinweis: »Fernseh- und Radiostörfrei«. Der Hersteller ging also davon aus, dass die Käufer Fernseher besaßen, was jedoch im großen Maßstab erst in den 1960er Jahren der Fall war: 1955 gab es 100.000, 1964 7 Millionen TV-Zuschauer. Zwischen 1954 und 1964 verdoppelte sich die Anzahl der in Deutschland produzierten Heizkissen und -decken von 750.000 auf 1,5 Millionen jährlich. Gleichzeitig stieg der Produktionswert von sieben auf 36 Millionen DM.

Die Entdeckung des »Ich« durch die moderne Gesellschaft spiegelt sich insbesondere in solchen Geräten wider, die nicht nur das eigene Wohlbefinden steigerten, sondern auch nur allein benutzt werden konnten. Die Verbreitung von Wellnessartikeln trieb diese Entwicklung insofern auf die Spitze, da hier Körper und Geist als Einheit ins Zentrum der Freizeitgestaltung gestellt werden. So gesehen ist dem Heizkissen in diesem Zusammenhang eine durchaus symbolische Stellung zuzuschreiben.

Die 1919 in Ulm gegründete Firma Beurer stellte von Beginn an Heizkissen und Bügeleisen her. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Geschäft wieder aufgenommen, und es erfolgte eine Spezialisierung auf Wellnessartikel. 1953 wurde eine Wort-Bild-Marke eingetragen, die aus dem Bild einer Katze und dem Slogan »Mit dem Katzenkopf« bestand. Das Katzenmotiv findet sich in Comicform auch auf dem Originalkarton des Heizkissens, auf dem der Slogan »Ein bewährtes Katzenkopf Erzeugnis« prangt. Die Firma Beurer besteht noch heute und stellt vornehmlich in Ungarn elektrische Wellness- und Hygieneartikel für einen weltweiten Markt her.

Das englische Wort »pussy« ist im ursprünglichen Sinn ein Kosename für Katzen und wird oft auch als »pussy-cat« (etwa: Miezekatze) verwendet. Damit ist der Begriff dem deutschen »Muschi« sehr ähnlich, der aber auch als Kosename für Frauen verwendet wird. Allerdings bezeichnen beide Begriffe auch – im Englischen vulgär, im Deutschen eher salopp oder kindlich – das primäre weibliche Geschlechtsorgan. Im Englischen kommt sogar noch die pejorative Bedeutung »Schlappschwanz« hinzu.

Unser Heizkissen »Pussy« stammt aus einer Zeit, in der diese Doppelbedeutung noch nicht im allgemeinen Bewusstsein war. Nichtsdestoweniger wirkt die Verpackung auf den heutigen Betrachter erheiternd bis verstörend. Ebenso tun dies Menschen, denen die Doppelbedeutung der Begriffe nicht geläufig ist: So rief Edmund Stoiber im Bundestagswahlkampf 2002 vor laufenden Kameras laut »Muschi« – und meinte damit seine Frau Karin.

Das Kissen erhielt diesen Namen vermutlich, um Assoziationen des Schmusens und Kuschelns zu wecken – vielleicht sollten die Konsumenten auch an weiches Katzenfell denken. Das Kissen wurde dem Stadtmuseum 2001 von Herrn Bock geschenkt, der wohl auch der Meinung war, das ein solch skurriler Beweis konsumgeschichtlicher Namensgebung in einem Museum bewahrt bleiben sollte.

 

Heizkissen »Pussy« mit Karton, Ulm, um 1960. Kunststoff, Textil, Pappe; H: 30 cm,
B: 40 cm. Inv.-Nr. KSM 2001/81. Foto: rba_d033566.


Autor: Sascha Pries M.A.

 

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