Lügenmaul: Propaganda im Ersten Weltkrieg

Am 13. Juni 1957 als Bestandteil eines Konvoluts von Plastiken des Kölner Bildhauers Georg Grasegger (1873–1927) erworben, ist die 1914 entstandene Holzskulptur »John Bull« oder »Das Lügenmaul« ein zeittypisches Zeugnis hemmungslos-naiver Kriegspropaganda.

<strong>Georg Grasegger: »John Bull« oder Das Lügenmaul, </strong>1914. <br />Foto: rba_d033561
Georg Grasegger: »John Bull« oder Das Lügenmaul, 1914.
Foto: rba_d033561

In nie vorher gekanntem Ausmaß wurden die militärischen Handlungen bei allen kriegsbeteiligten Mächten im Ersten Weltkrieg von massiven Propagandaaktionen begleitet, deren Ziel es war, die jeweiligen Gegner in Wort, vor allem aber auch im Bild zu diffamieren. Als deutsches Beispiel steht hier die neue Charakterisierung des englischen John Bull als »Lügenmaul« mit geradezu entstelltem, hassverzerrtem Gesichtsausdruck mit weit aufgerissenem Mund. Die Figur des John Bull entstand in Großbritannien zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Typ eines untersetzten, gutmütigen und mit sich selbst zufriedenen Landadeligen.

Der Bildhauer Georg Grasegger (1873–1927) war offensichtlich 1914, zum Zeitpunkt der Herstellung der Plastik, die nicht als Auftragsarbeit, sondern frei entstand, noch an der »Heimatfront« dem hohlen Pathos der reichsdeutschen Gehirnwäsche erlegen.

Zu dem Zeitpunkt stand Grasegger auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Aufgewachsen in Partenkirchen, begann, was dort für jeden künstlerisch Begabten unumgänglich war, eine vierjährige Ausbildung (1886–1890) als Holzschnitzer an der örtlichen Schnitzschule, in der katholische Innerlichkeit mit handwerklich soliden Kenntnissen miteinander verbunden wurde. Danach folgte der »Feinschliff« an der Kunstakademie in München (1890–1893) mit einer Gehilfentätigkeit bei dem angesehenen, aber hoffnungslos konservativen und deshalb mit offiziellen Aufträgen überhäuften Münchner Monumentalbildhauer Wilhelm Ruemann. Grasegger war dessen Kunststil bereits völlig entfremdet, als er 1899 seinem Lehrer den Rücken kehrte und als selbstständiger Künstler einen kurzen Abstecher in die wilde Linienwelt des floralen Jugendstils wagte (Entwürfe für die Kölner Metallwarenfabrik »Orivit«). Doch schon bald danach fand er in der Bevorzugung kompakter, straffer Formgebung seinen eigenen Stil.

1901 wurde er an die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Köln berufen. 1904 war er in Köln der Initiator zur Gründung der Künstlergruppe »Der Stil«, die in etablierten bürgerlichen Kreisen als eher anrüchig galt. Der unaufhaltsame Aufstieg in ebendiese Kreise wurde von zahlreichen ehrenvollen Ausstellungsbeteiligungen und Medaillen begleitet. Sogar den Olymp allen künstlerischen Treibens konnte er erklimmen: die mehrfache Teilnahme an den jährlichen Kunstausstellungen in München nebst Auszeichnungen. Seine Beteiligung an der Ausstellung des »Deutschen Werkbundes« 1914 in Deutz empfand er als ehrenvoll, obwohl sie nur kurz andauerte, da die viel beachtete Ausstellung durch den Ausbruch des Krieges vorzeitig geschlossen wurde. In diese Zeit fiel die Herstellung des »John Bull«.

Im November 1917 wurde Grasegger als Landsturmmann als »Berater für künstlerischen Grabschmuck« eingezogen und an die Ostfront geschickt. Im »Land Ober Ost« (Litauen), von deutschen Truppen besetzt, konnte er nicht nur den deutschen Soldatenfriedhof von Vilnius mit einem Steinlöwen zieren (um 1995 im Erdreich wiedergefunden und neu aufgestellt), sondern auch die unmenschlich harte Besatzungspolitik der deutschen Militärs vor Ort erfahren, die vielleicht desillusionierend auf Grasegger wirkte. Jedenfalls fällt auf, dass bei seinen späteren künstlerischen Beiträgen zu »Kriegerehrungen« die bei vielen seiner Kollegen auffällige Tendenz zur Heroisierung des Krieges eher verblasst. Sein bedeutendstes Werk nach 1918 ist zweifellos das Ehrenmal aus Holz im Kölner Dom – »Heiliger Michael« –, zu dem er nach der Teilnahme an einem beschränkten Wettbewerb (1919) am 3. März 1920 den Auftrag erhielt und gleichsam als Anklage eine mahnende Inschrift zum Andenken an die im Kriege untergegangene »Kaiserglocke« anfügte: »Auch mich zerschlugen sie / Kaiserglocke / Koeln 1918«.

»John Bull« wurde zusammen mit den Skulpturen Graseggers »Das Schneiderlein« (1919) und »Der Sieger« (1921) am 13. Juni 1957 von Dr. med. Heinrich Schneider, Köln-Holweide, für 400 DM erworben, wobei leider die näheren Umstände, wie die Werke in dessen Besitz gelangten, im Dunkeln bleiben. 

 

Georg Grasegger: »John Bull« oder Das Lügenmaul, 1914, Holz, geschnitzt, H: 37 cm (mit Sockel), Inv.-Nr. HM 1957/38. Ankauf von Dr. Heinrich Schneider, Köln. Foto: rba_d033561


Autor: Dr. Johannes Ralf Beines

 

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