Krieg im Kinderzimmer

In den 1930er-Jahren, aus denen diese Sammlung von Spielzeugsoldaten stammt, war solches Spielzeug in vielen Kinderzimmern zu finden. Geprägt durch Kriegs- und Gewalterfahrungen in der gesamten ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts passten sich die Spielgewohnheiten der Kinder an diese Realität an. Im Nationalsozialismus wurden sie in staatlich gelenkte Kinder- und Jugendorganisationen gezwungen und auf Krieg getrimmt. Dieses Spielzeug spiegelt die martialische Welt wider, realistisch gearbeitet mit Sanitätswagen, Lazarettschwestern und Verwundeten.

<strong>Spielzeugsoldaten</strong>, Firma Lineol, Brandenburg, 1930er Jahre. Foto: rba_d033530
Spielzeugsoldaten, Firma Lineol, Brandenburg, 1930er Jahre. Foto: rba_d033530

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war für die Menschen von regelmäßigen Kriegs- und Gewalterfahrungen geprägt: Erster Weltkrieg, Putschversuche in der Weimarer Republik, Verfolgung und polizeiliche Gewalt im Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg. Die Verbreitung von Filmen und Fotos in Wochenschauen und Presse schon ab 1914 verstärkten die Wahrnehmung der Kriege in der Bevölkerung.

Der preußische Militarismus lief seit der Reichsgründung zu neuen Höchstformen auf, und die intensive Aufrüstung der deutschen Marine war seit Anfang des 20. Jahrhunderts nur eine der Auswirkungen. Der hohe Stellenwert des Militärs und die Begeisterung für die kaiserliche Marine zeigten sich nicht zuletzt in den Matrosenanzügen, in die die Jungen bei den sonntäglichen Familienspaziergängen gesteckt wurden. Nach Beginn des Ersten Weltkriegs schlug sich die Kriegsbegeisterung auch in den Kinderzimmern nieder: Mädchen spielten mit Puppen, die aussahen wie Lazarettschwestern, Jungen stellten mit Blechsoldaten Grabenkämpfe nach.

Die Zeit der Weimarer Republik bildete nur einen kurzen und relativ ruhigen Übergang zu dem gewalttätigen und radikalen Regime der Nationalsozialisten. Hier begann die Einflussnahme der Regierung schon im Kindergarten. 1935 steigerte das Kriegsspielzeug den Umsatz der Spielwarenindustrie um 25 Prozent. »Und sie werden nie wieder frei ihr ganzes Leben«, versprach Hitler den deutschen Kindern, denn die absolute Einbindung in die staatlich gelenkten Kinder- und Jugendorganisationen war im Selbstverständnis der Nationalsozialisten ein großer Gewinn. Spätestens in der Hitlerjugend war es mit bloßen Spielzeugen vorbei: Zur Ausrüstung gehörte auch das Fahrtenmesser mit 14 Zentimetern Klingenlänge.

Diese Sammlung von Spielzeugsoldaten stammt aus den 1930er Jahren. Neben Soldaten mit Gewehren gehören zu dem Konvolut auch ein mobiles Geschütz, ein Transport-Lkw und diverse Panzer. Das durchaus detailgetreue Spielzeug bleibt in seiner realistischen Form insofern konsequent, als neben den bewaffneten Truppenteilen auch ein Sanitätswagen, diverse verletzte Soldaten, eine Trage samt verletztem Soldaten und Lazarettschwestern gehören. Die Uniformen und einzelne Fahnenträger zeigen, welche Staaten vertreten sind: Großbritannien mit dem Union Jack, das Deutsche Reich mit einer Truppenfahne, die ein Hakenkreuz auf einem preußisch weiß-blauen Feld zeigt, und Belgien mit der schwarz-gold-roten Trikolore.

Noch in den 1950er Jahren waren die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges auch in den Kinderzimmern der Bundesrepublik zu spüren: Kriegsspielzeug wie diese Soldaten landeten in Kartons im Keller oder wurden weggeworfen. In Aufrufen mahnte die Deutsche Friedensgesellschaft: »Mütter! Erzieher! Schenkt Euren Kindern kein Kriegsspielzeug! Keine Waffen, mit denen sie ihren Spielgefährten Furcht einjagen, sie bedrohen! Keine Spielsoldaten, die den Geist der Feindschaft und Zerstörung wecken! Keine Uniformen, die sie verleiten, sich aufzuspielen! Vergeßt es nicht!! Aus dem Kriegsspiel der Vergangenheit wurde das Trümmerfeld der Gegenwart!« Dennoch wurde weiterhin Kriegsspielzeug produziert und konsumiert: gemäß der politischen Lage kamen britische und amerikanische Truppen und Fahrzeuge in Mode. In der DDR erklärte die Regierung militärisches Spielzeug, das hier »patriotisches Spielzeug« hieß, für »staatspolitisch wertvoll«.

Nach über 50 Jahren im Keller gelangte das Konvolut aus den 1930er Jahren wieder ans Tageslicht. Als Geschenke von H. und K. Schwering ergänzt es seit 1997 die umfangreiche Spielzeugsammlung des Museums, die zuletzt 1989 in der großen Ausstellung »Kindheit in Köln« gezeigt wurde.

Die 1906 in Brandburg gegründete Firma Lineol produziert heute im westfälischen Marienmünster übrigens immer noch Figuren aus SpritzgussKunststoff – darunter auch Soldaten, Panzer und Geschütze des Zweiten Weltkriegs.

 

Spielzeugsoldaten, Firma Lineol, Brandenburg, 1930er-Jahre. Figuren H: 7,5 cm, Inv.-Nr. KSM 1997/600–614. Schenkung von H. und K. Schwering, Köln, 1997. Foto: rba_d033530


Autor: Sascha Pries

 

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