Kölner Leben

Carl Rüdell (1855 – 1939) war Architekt und Maler. In zahlreichen Gemälden und Aquarellen, von denen etwa 40 ins Kölnische Stadtmuseum gelangten, zeigte er sich als wahrheitsgetreuer Chronist seiner Wahlheimat Köln. Das um 1910 entstandene Aquarell dokumentiert das lebhafte geschäftliche Treiben mit einkaufendem Publikum und den unvermeidlichen »Maatwievern« auf dem Alter Markt.

<strong>Carl Rüdell: Köln – Alter Markt</strong>, um 1910. Foto: rba_c019993
Carl Rüdell: Köln – Alter Markt, um 1910. Foto: rba_c019993

Aquarelle von Carl Rüdell findet man in vielen Kölner Haushalten. Sie werden behütet wie ein kleiner Schatz. Das Kölnische Stadtmuseum besitzt ein großes Konvolut von über 40 Arbeiten, die zum Teil zu Lebzeiten des beliebten Architekten und Malers in die Graphische Sammlung des Hauses gelangten.

1872, mit nur 17 Jahren, kam Carl Rüdell (1855– 1939) nach Köln. Er begann in jenen Jahren bei dem Kölner Baumeister und Architekten August Lange als Landbauführer, als die Herausforderungen der Stadterweiterung vor der Tür standen. Damit einher ging der Aufschwung des Baugewerbes, und Rüdell fand seine erste Lebensaufgabe als Architekt.

Doch schon in ganz jungen Jahren absolvierte er eine Lehre beim Trierer Diözesanbaumeister Reinhold Wirtz. Er wurde unterwiesen in der Praxis der Restaurierung an der Trierer Liebfrauenkirche unter dem Kölner Architekten Vincenz Statz, andere Lehrer unterrichteten ihn im Modellerien bzw. in den Anfängen der Bildhauerkunst.

Gezeichnet hatte Rüdell schon seit frühester Kindheit. Für seine Entwicklung als Maler aber war die Begegnung mit dem Düsseldorfer Künstler Carl Seibels ausschlaggebend. Dieser war der wichtigste Vertreter der »Paysage intime«, einer einfachen, undramatischen Landschaftsdarstellung im Düsseldorf des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Das Spiel und die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Licht standen ganz im Vordergrund der Malerei und begeisterten auch Carl Rüdell.

Nach dem Tod von August Lange 1883 machte sich Rüdell als Architekt in Köln selbstständig und schloss sich mit Richard Odenthal zusammen. Etwa 80 Kirchen sollen die Partner in circa 25 Jahren errichtet und betreut haben, darunter auch St. Agnes.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg wurde die Situation im Baugewerbe schwieriger, und Carl Rüdell wandte sich mehr und mehr der Malerei zu. 1918 kam der Durchbruch als freier Künstler: Es erschien die Publikation »Das malerische Köln« von Georg Hölscher. Im gleichen Jahr folgte noch eine Postkartenserie seiner Bilder. Rüdell war plötzlich ein prominenter und überaus geschätzter Dokumentarist der »kölschen Seele«. Nun lebte er von seiner Kunst, und die Kölner konnten sich an seinen Motiven nicht sattsehen.

Der Alter Markt im Detail, im Hoch- oder im Querformat, so wie unser Aquarell – Carl Rüdell machte die Liebe der Kölner zu ihrer Stadt, atmosphärisch verdichtet, abbildhaft. Es müssen Tausende von Blättern gewesen sein, die er produziert hat. Der Kölner Alter Markt war bei den Kölschen ein besonders gefragtes Motiv, und dies hatte auch seinen Grund.

Der Alter Markt war einmal der Hauptplatz von Köln, im Mittelalter Turnierplatz, die Franzosen nannten ihn »Le grand Marché«. Gotthilf Theodor Faber (1802) bezeichnete ihn als den »cölnischen Markusplatz«. Die Archäologin und Kunstsammlerin Sibylle Mertens-Schaaffhausen nannte ihn in einem Atemzug mit der Piazza Navona in Rom. Der Kölner war da weitaus realistischer. Für ihn war er »et jolde Böddemche« – eine Goldgrube. Wie auch immer – der Platz atmet Kölner Geschichte und erzählt Kölner Geschichten bis heute, zum Beispiel an »Wieverfastelovend«.

Carl Rüdell zeigt auf seinem Aquarell das Markttreiben mit den Menschen zwischen den »Maatwiever«. Die Szene im Nordosten des mächtigen, alles überragenden Rathausturms ist eingetaucht in eine warme, anheimelnde Farbigkeit. Das Denkmal Jan von Werths ist zu sehen, er, der im Dreißigjährigen Krieg ein nicht unbedeutender Feldherr war und durch sein »erzähltes« Leben, »karnevalistische Ewigkeit« erfuhr. Mit dem kleinen Pavillon in der Bildmitte hat Rüdell vermutlich nicht nur einen der wenigen festen Verkaufsstände gemeint. Es ist vielleicht auch ein Hinweis auf den Ort des Prangers und des Drillhäuschens, denn der Markt war auch Ort des Strafvollzuges.

Doch was wäre der Platz ohne unseren Hinweis auf den Platzjabbeck am Rathausturm und den Kallendresser. Beide, der eine streckt zu jeder vollen Stunde die Zunge heraus und der andere hockt mit »bläcker Fott« (blankem Hintern) unter der »Kalle« (Dachrinne), verstehen sich als Ausdruck bürgerlichen Hohns und Spotts auf den im Rathaus tagenden Rat. Irgendwie ein doch sehr kölnischer – ehrlicher – Dialog zwischen Obrigkeit und selbstbewussten Köln-Bürgern.

 

Carl Rüdell: Köln – Alter Markt, um 1910, Aquarell, H: 50 cm, B: 70 cm, Inv.-Nr. HM 1913/1. Ankauf vom Künstler, 1913 für 180 Mark. Foto: rba_c019993 


Autor: Dr. Michael Euler-Schmidt

 

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