Kleiner Zünder – verheerende Folgen

<strong>Zünder einer Fliegerbombe, </strong>Großbritannien, 1914. Foto: rba_d033532
Zünder einer Fliegerbombe, Großbritannien, 1914. Foto: rba_d033532

Das Fragment wurde am 8. Mai 1915 vom Kölner Händler Alfred Werther für 100 Mark erworben, zusammen mit einem Teil der Bombenwand und kleinen Sprengstücken zu je 15 Mark. War es berechtigt, so viel zu zahlen für ein auf den ersten Blick unbedeutendes Stück Metall?

Das Objekt hat eine geradezu welthistorische und traurige Bedeutung, deren Tragweite 1915 noch gar nicht erfasst werden konnte. Es ist der »Zünder der von einem feindlichen Flugzeug in Cöln E‘feld (...) abgeworfenen Bombe« – und damit eines der ältesten Zeugnisse des Luftkriegs. Leider verrät das Inventarbuch nicht, wann der erwähnte Angriff auf Ehrenfeld stattfand. Doch dies lässt sich rekonstruieren.

Am 4. August 1914 marschierten die Deutschen in das neutrale Belgien ein, um rasch den Krieg im Westen zu gewinnen und dann alle Kräfte an die Ostfront zu senden. Bald standen sie an der Marne kurz vor Paris. Doch die Belgier leisteten erbitterten Widerstand, die Briten kamen den Franzosen zur Hilfe. Man ging zum Gegenangriff über, die Deutschen wichen zurück, der Stellungskrieg begann. Möglich wurde dies, weil französische Piloten eine Lücke in der deutschen Front entdeckt hatten. Zwar hatte H. G. Wells im Roman »The War in the Air« 1908 Visionen eines Luftkriegs weit im Feindesland beschrieben, doch noch dienten Flugzeuge lediglich der Aufklärung als Ersatz für die Kavallerie.

Die deutschen Zeppeline konnten mehr Lasten transportieren als Flugzeuge, waren aber verwundbarer. Von Köln aus verbreiteten sie Angst und Schrecken. Ihr erster Angriff startete aus der Luftschiffhalle in Bickendorf am 5. August 1914 mit dem Luftschiff »Cöln«, das über Lüttich Sprengbomben und Granaten abwarf. Die beschädigte »Cöln« musste auf der Rückfahrt in Walberberg notlanden und wurde verschrottet. Als Ersatz kam das Luftschiff »Sachsen« nach Bickendorf, das am 23. August über Antwerpen den Gasometer traf und 27 Tote hinterließ. Deshalb – und nicht nur, weil diese deutsche Großstadt in Reichweite lag – geriet Köln ins Visier der Briten. Am 22. September 1914 wurden erstmals deutsche Städte angegriffen. Ziel waren die Luftschiffhallen in Köln und Düsseldorf. Unser Bombenfragment stammt wohl vom zweiten Angriff in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober 1914 auf 

Düsseldorf und Köln. Hier wird Ehrenfeld explizit genannt, mit der dortigen Wasserstoff-Gasanstalt, die der Betankung der Luftschiffe der Firma Clouth in der benachbarten Bickendorfer Halle diente. Die britischen Marinepiloten der beiden Doppeldecker vom Typ Sopwith Tabloid berichteten, der Einsatz sei misslungen, und man habe dann als Ausweichziel den Hauptbahnhof angeflogen.

Noch gab es keine großen Schäden: Piloten warfen Fliegerpfeile, Handgranaten oder kleine Bomben aus dem Cockpit. Deutsche Luftschiffe griffen mit größeren Bomben an: französische und britische Hafenstädte ebenso wie Warschau. Am 24. Dezember 1914, als es in den Schützengräben zum sogenannten Weihnachtsfrieden und zu Verbrüderungen kam, bombardierten die Deutschen Dover und die Briten Cuxhaven.

Größere Luftangriffe auf Köln erfolgten 1917. Nun warnten Sirenenanlagen die Kölner, die sich aber nicht an die Vorschriften hielten, sondern neugierig auf die Straße liefen. Die Opfer des Luftangriffs vom Pfingstsamstag 1918 besuchte Oberbürgermeister Adenauer im Krankenhaus. Jetzt verfügten alle Seiten über große Bomber, die Zeppeline hatten ausgedient. Die Bombardierung der RheinRuhr-Region und Berlins war für Anfang 1919 schon beschlossen, als am 11. November der Waffenstillstand verkündet wurde.

Die Dämme waren gebrochen, ein »totaler Krieg« unter Einbeziehung der Zivilbevölkerung denkbar. Zwanzig Jahre später künden Namen wie Warschau, Rotterdam, Coventry, Hamburg und Dresden von der barbarischen Zerstörungskraft des Luftkriegs – ebenso wie der Name Kölns. Hier wird in Ehrenfeld noch im September 2012 eine Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Vor diesem Hintergrund verblassen die Erinnerungen daran, wie einst alles anfing – mit einem kleinen Stück Metall, abgeworfen über Ehrenfeld 1914.

 

Zünder einer Fliegerbombe, Großbritannien, 1914. Teilstück, Stahl, L: ca. 17 cm, Dm: 4 cm, Inv.-Nr. HM 1915/84. Erworben 1915 vom Kölner Händler Alfred Werther für 100 Mark. Foto: rba_d033532


Autor: Dr. Mario Kramp

 

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