In aller Freundschaft

Das Stammbuch des Kölner Weinhändlers und Hansekaufmanns Gerhard Pilgrum ist ein besonders schönes Exemplar seiner Art: voller Miniaturen wie dieser, die eine Szene aus der Belagerung Wiens um 1530 darstellen könnte. Eine dramatische Zusammenstellung: Explosion, Pulverdampf, Einschuss und Blutaustritt aus der Schusswunde – alles in einem Bild.

<strong>Stammbuch des Gerhard Pilgrum, </strong>Köln u. a. 1578–1589. Foto: rba_d028769
Stammbuch des Gerhard Pilgrum, Köln u. a. 1578–1589. Foto: rba_d028769

Das Stammbuch des Kölner Weinhändlers Gerhard Pilgrum (verm. 1528 –1593) ist ein besonders schönes Exemplar seiner Art: Der Kölner Patrizier Pilgrum, mehrfacher Bürgermeister und Bannerherr der Fassbinderzunft, war als Hansekaufmann von den Niederlanden bis Süd- und Osteuropa geschäftlich tätig. Das erklärt vielleicht, warum sein Stammbuch neben Widmungen und Wappendarstellungen von möglichen Bekannten oder Weggefährten und – wie damals üblich – eingeklebten Kupferporträts bedeutender Persönlichkeiten, auch exotische Miniaturen von wilden Tieren, kanadischen Eskimos sowie ein »picture of a captain in China« enthält. Außerdem auch eine Szene, die folgendermaßen überschrieben ist: »Celuy/i qui va donnant l‘aumone aus chiens a Constantinople«, also derjenige, der den Hunden in Konstantinopel ein Almosen gibt (Bl. 157).

Bevor man sich über diese frühe Form von Tierliebe in der Hauptstadt des Osmanischen Reichs in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wundert, stellt sich die Frage nach Form und Funktion solcher Stamm- oder Freundschaftsbücher, wie sie auch genannt wurden (liber oder album amicorum). Die Sitte, sich mittels gegenseitiger Widmungen seiner Freundschaft zu versichern, entstand Mitte des 16. Jahrhunderts und war zunächst bei Adel und Studenten verbreitet. Letztere bauten sich während ihrer Studienaufenthalte an unterschiedlichen Universitäten ein soziales Netzwerk auf, das ihnen später beim Berufseinstieg hilfreich sein konnte. (Eine Strategie, die die Neuzeit also nur ungerechtfertigt als ihre Erfindung reklamieren könnte.)

Dazu passt auch die in ihrem bildlichen Aufbau sorgfältig komponierte Szene, die natürlich nicht als Abbild einer realen Situation zu verstehen ist. Dem gebildeten Publikum des 16. und 17. Jahrhunderts dürfte auch die emblematische Bedeutung der Hundespeisung als Dankbarkeit der Christen gegenüber ihrem Gott bekannt gewesen sein.

Das Stammbuch des Gerhard Pilgrum enthält Einträge über den Zeitraum von 1579 bis 1589, als er zwischen 50 und 60 Jahre alt, bereits erfolgreicher Handelsherr und in zweiter Ehe mit Catharina von Lyskirchen verheiratet war. Es wäre denkbar, dass für ihn die aufwändige Sammlung von Einträgen und kostbare Ausstattung mit teils vergoldeten Illuminationen, die – angesichts der hohen Qualität der Miniaturen – sicher von Auftragskünstlern und Wappenmalern erledigt wurden, eine Dokumentation seiner Lebensbezüge dargestellt haben könnte.

Über die Wohnorte der Bei-/Eintragenden lässt sich ermessen, wie weit Pilgrums Handelsbeziehungen reichten – über Heidelberg, Basel, Genf, Lyon, Orléans, Paris, London, Dordrecht bildet sich wie über die Sprachvielfalt (Latein, Deutsch, Englisch, Französisch) das Beziehungsgeflecht eines Kölner Großbürgers des späten 16. Jahrhunderts ab, zu dem auch Künstler gehörten, wie die blau getuschten Zeichnungen mit höfischen Motiven aus der Feder Quentin Massys d. J. (1543–1589) oder die Notenhandschrift eines ihm von Samuel Nervius, Organist in Basel, am 19. November 1578 gewidmeten Kanons (Bl. 155v + 156r) zeigt.

Schön fügt es sich, dass ein halbes Jahrhundert nachdem Hans Carl Scheibler dem Museum ein von Arnold Bruyn gemaltes Porträt des Gerhard Pilgrum schenkte, sein Stammbuch seit 1958 die Vorstellung vom Leben des Kölner Kaufmanns ergänzt.

 

Stammbuch des Gerhard Pilgrum, Köln u. a. 1578–1589, Einband: Pergament; Papier, H: 18 cm, B: 13 cm (Blattmaß), Inv.-Nr. HM 1950/97 = Bibl. Auto 2. Ankauf von Leo Lipinski, Köln, für 500 DM. Foto: rba_d028769


Autor: Beatrix Alexander

 

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