Fünf Töchter – Fünf Armreifen

<strong>Armreif für Mathilde von Mevissen</strong>, Köln (?), 1885, KSM 1990/161. Foto: rba_d033510_01
Armreif für Mathilde von Mevissen, Köln (?), 1885, KSM 1990/161. Foto: rba_d033510_01

Voll muss der Große Saal des Gürzenichs gewesen sein an diesem Sonntag im Oktober des Jahres 1924, als Dr. Li Eckert an das Rednerpult trat. Die Kölner Frauenvereine hatten eingeladen, das Andenken einer Frau zu ehren, die, wie Eckert es in ihrer Rede formulierte, »die innere und äußere Freiheit der Frau erstrebt und Wege zu dieser Freiheit gebahnt« hat. Die Rede war von Mathilde von Mevissen (1848–1924). Stellvertretend für alle Kölner Frauen nahm Eckert, langjährige Freundin und Mitstreiterin von Mevissens, an diesem Tag mit ihrer Gedächtnisrede Abschied von einer Frau, die dazu beitrug, grundlegende Veränderungen in der Mädchenbildung zu schaffen.

Dabei sah es zunächst nicht danach aus, dass sie sich in irgendeiner Weise selbst verwirklichen könnte. Gemeinsam mit ihren vier Schwestern wuchs sie in einer Familie des Kölner Großbürgertums auf. Ihr Vater, Gustav von Mevissen (1815– 1899), ein Förderer von Kultur und Wissenschaft, war ein bedeutender Kölner Industrieller und nationalliberaler Politiker. Obwohl er geschäftlich bedingt oft abwesend war, führte er zu Hause dennoch ein strenges Regiment. Nach dem frühen Tod der Mutter war der Vater gezwungen, seine Aufgaben zu reduzieren. Drei Jahre nach dem Tod der ersten Frau heiratete Gustav deren jüngere Schwester Therese (1834–1901). Die Ausbildung der Töchter durch Erzieher und Privatlehrer sollte die Mädchen auf ihre späteren Rollen als Hausfrauen, Ehefrauen und Mütter vorbereiten. Den Töchtern war es untersagt, die vom Vater gehegte und stetig erweiterte Bibliothek zu benutzen, um sich selbst zu bilden. Mathilde aber widersetzte sich dem Verbot und begann, heimlich Bücher religiösen und philosophischen Inhalts aus der Bibliothek des Vaters zu schmuggeln. Sie versteckte sie unter ihrer Matratze, um nachts zu lesen.

Bis zum Ende der 1880er Jahre sollte sich an Mathildes Situation nichts ändern. Sie wohnte mit der ebenfalls unverheiratet gebliebenen Schwester Melanie bis zu ihrem Lebensende im Elternhaus in der Zeughausstraße 2 a. Hier führte sie das Leben einer ledigen Frau des Großbürgertums – unter strenger Aufsicht des Vaters. So kontrollierte er die Lektüre und Post der Töchter, die ohne Begleitung das Haus nicht verlassen durften.

In dieser Situation der Unterdrückung durch den Vater erfuhr Mathilde von der Diskussion über die Emanzipation der Frau. Aufgrund ihrer eigenen entbehrungsreichen Erfahrungen bekam die Bildungsfrage für Mathilde von Mevissen zentrale Bedeutung. Sie bemühte sich um die Verbesserung der Bildungschancen junger Mädchen, gründete 1894 eine Handelsschule für Mädchen und den »Kölner Frauenfortbildungsverein«. Der Grundstein für die Kölner Frauenbewegung war geschaffen. Im Jahr 1896 wurde der Verein »Mädchengymnasium Cöln« gegründet. Nach dem Tod des Vaters 1899 wurde der Einsatz für eine bessere Mädchenbildung zum einzigen Lebensinhalt Mathildes.

1989 wurde dem Kölnischen Stadtmuseum dieser Armreif, der als Erbstück in den Besitz der Großnichte Mathilde von Mevissens übergegangen war, als Geschenk der Stifterin Ursula von Hagens übergeben. Zum Anlass der Silbernen Hochzeit mit seiner zweiten Frau Therese im Jahr 1885 hatte der Vater seinen fünf Töchtern jeweils einen solchen Armreif geschenkt. Eine Seite trägt die Besitzerinschrift: Mathilde von Mevissen. Die Schauseiten der Reifen sind dicht mit Diamanten in silbernen Körnerfassungen besetzt. Der Mittelteil des Armreifs besteht aus einem herzförmigen Rahmen aus Gold. Im Inneren rahmt ein Lorbeerkranz aus getriebenem Silber das Doppelbildnis des Ehepaars Gustav und Therese von Mevissen. Die Porträts sind aus zwei Goldtalern der Zeit Ludwigs II. getrieben und ziseliert. Als Bekrönung dient ein Schriftband mit dem Datum der Silbernen Hochzeit: 1860 28 JAN 1885 in schwarzem Grubenschmelz: Ein Rubin und Saphir in Renaissancefassungen deuten symbolisch auf die Schriftrolle mit Rosettenmotiv und Treueschwur am unteren Rand hin: IN LIEBE UND TREUE. Vermutlich stammen diese Arbeiten aus der Werkstatt des angesehenen Kölner Goldschmieds Gabriel Hermeling.

 

Armreif für Mathilde von Mevissen, Köln (?), 1885, Silber, Gold, Edelstein; H: 5,4 cm, Dm: 6 cm, Inv.-Nr. KSM 1990/161. Foto: rba_d033510_01


Autor: Stefan Lewejohann

 

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