Feuer, Ratsherren und Cäsaren

Der dickbäuchige Bartmannkrug ist ein Prachtexemplar seiner Art und ein Prunkstück rheinischer Töpferkunst. Der geschichtsträchtige Krug wurde 1937 im Tausch von Gustav Adolf Steengracht von Moyland erworben; im Gegenzug erhielt er eine unbekannte Menge Mobiliars für sein Schloss, das leider nach Kriegsende von kanadischen Soldaten verwüstet und zerstört wurde.

<strong>Bartmannkrug, </strong>Frechen, 1604. Foto: rba_055153
Bartmannkrug, Frechen, 1604. Foto: rba_055153

Töpferwaren wurden in Köln seit römischer Zeit hergestellt, doch erst um 1500 entwickelten sie sich vom einfachen Gebrauchsgeschirr zum Spitzenerzeugnis. Die Absatzmärkte und die guten Tonvorkommen im Umland machten Köln zu einem attraktiven Produktions- und Handelsplatz. So ließen sich nach 1500 zahlreiche Töpfer im Kölner Stadtgebiet nieder. Die zur Gaffel der Steinmetze gehörenden Handwerker bildeten drei Sparten. Die Duppenbäcker stellten bei niedriger Temperatur gebrannte Tongefäße her, die als schlichte, unglasierte Waren zum Kochen, Braten und Backen dienten oder – farbig glasiert und reliefiert – als Ziergeschirr verwendet wurden. Ebenfalls im Niederbrand fertigten die Kachelbäcker ihre Ofenkacheln mit farbigen Glasuren, zudem setzten sie Öfen. Die Kannenbäcker hingegen brauchten hohe Temperaturen für den Brand ihrer wasserundurchlässigen Trink- und Vorratsgefäße. Dieses sogenannte Steinzeug mit seiner eingebrannten Salzglasur, die eingesprenkelte Töne in Braun, Beige, Grau, Gelb oder Orange ergab, war entweder schlicht oder mit reichem Reliefdekor versehen, der zudem blau bemalt sein konnte.

Trotz guter Ausgangslage hatten die Töpfer widrige Rahmenbedingungen: Sie waren nicht willkommen. Feuergefahr, Hitze, Rauch, steigende Holzpreise und später Holzknappheit führten zu Spannungen zwischen Töpfern und ihren Kölner Mitbürgern. Der Rat reagierte und versuchte ab 1531, das Töpferhandwerk zu beschränken, 1534 verordnete er einen generellen Brennstopp. Als die Töpfer gegen die Restriktionen und für den Erhalt ihrer Lebensgrundlage kämpften, wurde das Verbot gelockert. Der anhaltende Zuzug von Töpfern führte in den Folgejahren zu wiederholten Brennverboten, denen wiederum Proteste folgten. Erst zur Jahrhundertmitte kam der Rat zu einer differenzierten Bewertung. Die Krugproduktion verbrauchte das meiste Holz, erzeugte die größte Hitze und schuf wegen der beim Einwerfen der Salzglasur entstehenden Chlordämpfe den größten Gestank – verschwinden sollten folglich die Kannenbäcker. 1554 kam es zu einem mit allen Töpfern vereinbarten Vertrag. Die Zahl der Kannenbäcker auf Kölner Stadtgebiet wurde auf vier begrenzt, Neuansiedlungen verboten.

Mit dieser Entscheidung verlor Köln einen Exportschlager, denn das Steinzeug war im Reich und in Nordwesteuropa sehr begehrt. Die Meister wanderten insbesondere nach Frechen ab oder zurück, das sich nun leicht als Steinzeugort profilieren konnte. Ein Produktionsschwerpunkt wurden die Bartmannkrüge, die als Massenprodukte jedoch oft wenig sorgsam gefertigt wurden, wie unser Krug zeigt.

Über konkav geschwungenem Fuß wölbt sich ein Kugelbauch, der in einen engen Flaschenhals übergeht. Die abschließende Lippe wird durch zwei Wulstringe und mittigen Zahnschnitt abgesetzt. Der Henkel ist aus drei Wülsten gedreht. Auf Hals und Schulter sitzt mittig eine stilisierte Bartmaske mit mandelförmigen Augen, breiter Nase, grobem Mund und langem Schläfenhaar. Axial darunter erscheint ein großes Rundmedaillon, das ein doppelköpfiger Reichsadler mit genopptem Körper füllt. Vor seiner Brust befinden sich Reichsapfel und Kreuz, darüber eine Kartusche mit Datierung: 1604. Die Flügel füllen, dem Typus des Quaternionenadlers folgend, 14 Wappen der weltlichen Stände und Kurfürsten. Flankiert wird der Adler von zwei seitlichen Medaillons, die jeweils im Profil das Schulterbild eines römischen Kaisers mit grober Physiognomie zeigen: links Claudius, rechts Nero – dritter Ehemann respektive Sohn der Stadtgründerin Agrippina. Beide sind durch umlaufende Kapitalschriften identifizierbar und entstammen gängigem Formenrepertoire – allerdings hier sehr grob umgesetzt. So ist Nero gegenüber der Vorlage samt seiner Inschrift spiegelbildlich wiedergegeben.

Die Bezüge zur römischen Wiege Kölns, die Kaisermedaillons, die als Bildprogramm auch die Kassettendecke des Ratssaales zierten, und der auf die Reichsunmittelbarkeit Kölns weisende Quaternionenadler lassen vermuten, dass der Krug zu einer Gruppe von Gefäßen gehörte, die der Kölner Rat nutzte. Wären die Töpfer nicht nach Frechen vertrieben worden, so hätten die Ratsmitglieder wohl aus weniger grobem Steinzeug trinken können.

Der Bartmannkrug gelangte 1937 durch einen Brennverboten, denen wiederum Proteste folgten. Tausch in das Haus der Rheinischen Heimat: Gustav Adolf Steengracht von Moyland (1902–1969) benötigte im Gegenzug Mobiliar in unbekannter Menge für sein Schloss. Steengracht war promovierter Jurist und seit 1933 NS-Kreisbauernführer von Kleve sowie ab 1936 in unterschiedlicher Funktion für das Reichsaußenministerium tätig.

Schloss Moyland blieb bis Ende des Zweiten Weltkriegs unversehrt. Danach diente es als Quartier für den britischen Feldmarschall Montgomery. Erst nach dessen Abzug wurde Schloss Moyland von kanadischen Soldaten verwüstet und fast die gesamte Inneneinrichtung zerstört – darunter auch die im Tausch erworbenen Möbel.

 

Bartmannkrug, Frechen, 1604, Steinzeug, salzglasiert, grau, braun engobiert, mit Sprenkeln und Tränen, mit Kobaltblau bemalt. Kleiner Ausbruch an Lippe und Henkel; H: 28 cm, Dm Mündung: 4,7 cm, Dm Boden: 14,5 cm, Inv.-Nr. RM 1937/1045. Tausch mit Baron Steengracht, Schloss Moyland, Niederrhein (Wert 450 RM). Foto: rba_055153


Autor: Dr. Matthias Hamann

 

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