Erinnerungen an einen schrecklichen Krieg

Sechs Monate lang verteidigte das 5. Rheinische Infanterie-Regiment 65, in Friedenszeiten in Köln stationiert, 1914/15 einen Hügel in der Champagne. Am Ende war man unter mörderischen Verlusten aller Seiten siegreich und eroberte erfolgreich die Windfahne der zerstörten Mühle.

<strong>Wahrzeichen der Mühle von Souain in der Champagne, </strong>1915. Foto: rba_d033580
Wahrzeichen der Mühle von Souain in der Champagne, 1915. Foto: rba_d033580

Mit der deutschen Mobilmachung und Kriegserklärung gegen Russland am 1. August 1914 und gegen Frankreich am 3. August sollte sich ein Krieg entfalten, dessen Brutalität bisher nie da gewesene Ausmaße annehmen sollte. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau am 28. Juni 1914 in Sarajevo hatte eine Krise ins Rollen gebracht, die die in den Vorjahren angestauten Spannungen zwischen den europäischen Mächten und deren Verbündeten in Übersee in einem weltweiten Krieg entlud. Auf Säbelgerassel folgte schnell Kanonendonner – der Erste Weltkrieg hatte begonnen.

Auch in der Kaserne an der Mülheimer Heide, an der heutigen Slabystraße, verfolgte man die internationalen Geschehnisse gespannt – hier war das 5. Rheinische Infanterie-Regiment 65 stationiert. 1860 gestiftet, hatte es bereits im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gekämpft.

Wie überall in Deutschland nahm man den Befehl zur Mobilmachung für den 2. August auch in Köln mit Begeisterung wahr. Am 7. August wurde das Regiment unter dem Kommando von Oberst Richard von Diringshofen als Teil des VIII. Armee-Korps nach Frankreich verschoben. Was ursprünglich nur bis Weihnachten hätte dauern sollen, entwickelte sich zu einem langen schweren Stellungskrieg. Nach ersten Kämpfen an der Marne wurde eine neue Verteidigungslinie auf der Höhe nördlich von Souain, einer kleinen Ortschaft in der Champagne, aufgebaut. Hier grub sich das Regiment ab Oktober 1914 für die nächsten sechs Monate im Stellungskrieg mit den Franzosen in der Nähe einer Windmühle ein. Das Rheinische Infanterie-Regiment hatte die Aufgabe, diese strategisch wichtige Stellung gegen die Franzosen zu verteidigen. Unter verlustreichen und erbittert geführten Kämpfen gelang ihm dies bis zum 1. April 1915 mit dem Abmarsch der Franzosen.

Auch heute zeugen das Beinhaus von Navarin, das Beinhaus der Fremdenlegion Farnsworth, der Friedhof der 28. Brigade sowie der französische und der deutsche Friedhof von der Heftigkeit der Kämpfe auf dem Gebiet von Souain-Perthes-lès-Hurlus. Auf der deutschen Kriegsgräberstätte ruht auch der deutsche Maler August Macke, der als Mitglied des 9. Rheinischen Infanterie-Regiments 160 am 26. September 1914 bei Souain-Perthes-lès-Hurlus fiel.

Die Kämpfe um die Windmühle sollten dem Regiment auch nach Beendigung des Krieges in Erinnerung bleiben, und so wurde die Wetterfahne der inzwischen zerstörten Windmühle in Form eines Müllers mit Esel als »Andenken« mitgenommen. Im Kriegsgefangenenlager in Köln-Wahn wurde die Wetterfahne dann durch drei russische und einen französischen Kriegsgefangenen in eine geschnitzte Holzplatte eingefasst. Der Entwurf hierfür kam vom Hauptmann d. R. Primavesi und Leutnant d. R. Berg, die beide für die Verteidigung der Windmühle gekämpft hatten. Die erbeutete Wetterfahne wurde eingelassen auf einen Grund aus Eichenblättern, die die Tugenden der Standhaftigkeit, Stärke und Kraft symbolisieren sollten, für die das Regiment stand.

Nach Beendigung des Krieges wurde das Infanterie-Regiment ins niedersächsische Vechta verlegt, wo die Soldaten entlassen wurden. Mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrags wurde das Infanterie-Regiment Mitte des Jahres 1919 nach fast 60-jährigem Bestehen aufgelöst, ebenfalls seine Kaserne auf der Mülheimer Heide an der Slabystraße. Sie diente einem Teil der britischen Besatzungsmächte als Unterkunft, bis sie ab 1927 zu einem Seniorenzentrum, den sogenannten Riehler Heimstätten, umfunktioniert wurde, die es heute noch gibt. Vermutlich entfielen mit der Auflösung des Rheinischen Infanterie-Regiments 65 der Bezug und mit dem Wegfall der Kaserne auch der Repräsentationsort und -raum für die Gedenktafel. Daher schenkte sie Major a. D. Klinge, der in der Winterschlacht von Souain das III. Bataillon des Infanterie-Regiments befehligte, im Jahr 1919 dem Historischen Museum – um die Erinnerung an das aufgelöste Regiment sowie dessen Opfer aufrechtzuerhalten.

 

Wahrzeichen der Mühle von Souain in der Champagne, Köln, 1915, Eichenholz, Metall, H: 95 cm, B: 87 cm, T: 8 cm, Inv.-Nr. HM 1919/39. Schenkung von Major a. D. Klinge, 1919 - das Objekt wurde anlässlich der 100. Wiederkehr des Kriegsbeginns 1914 der Gemeinde Souain-Perthes-lès-Hurlus zurückgegeben. Foto: rba_d033580


Autor: Stefan Lewejohann

 

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