Eine Handelsgeschichte

Der Kölner Künstler Augustin Braun dokumentierte mit seinem Blatt ein Stück Kölner Wirtschaftsgeschichte des 17. Jahrhunderts – es zeigt vor dem Hintergrund der Stadt Köln einen florierenden Textilhandel.

<strong>Augustin Braun: Ein Kölner Handelshaus mit Hafenbetrieb</strong>, um 1618, 1976/345. Foto: rba_d033467
Augustin Braun: Ein Kölner Handelshaus mit Hafenbetrieb, um 1618, 1976/345. Foto: rba_d033467

Schon zu Lebzeiten war der Kölner Zeichner und Stecher Augustin Braun (tätig zwischen 1590 und 1639) bei Sammlern geschätzt. Eberhard Jabach etwa hatte die Zeichnungen seines Anno-Zyklus erworben, die heute der Louvre bewahrt. Stecher in ganz Nordwesteuropa arbeiteten nach Brauns Vorlagen, seine Verleger kamen aus vielen Ländern, seine Platten wurden gern ein zweites Mal verwendet, aber Augustin Braun selbst hat Köln anscheinend nie verlassen. Die Anfänge seines Lebens sind genauso unbekannt wie sein Ende. Augustin Braun lernte wohl in den 1580er Jahren bei einem niederländischen Stecher und Zeichner in Köln, sein ältestes bekanntes Werk stammt aus dem Jahr 1590, aber erst zwischen 1603 und 1608 wurde er Mitglied des Maleramtes.

Die hier vorgestellte Zeichnung einer Handelsszene könnte man sich ebenso gut in einem städtischen Kaufhaus vorstellen wie in einem reichen Privathaus, besonders in Verbindung mit dem Gegenstück in der Göttinger Sammlung Uffenbach, das einen Kölner Bürgermeister beim Empfang eines Boten zeigt, im Hintergrund Rathauslaube und Ratsturm. Der undatierte und unbezeichnete Kölner Entwurf entspricht der Göttinger Zeichnung von 1618 in Größe, Technik und Komposition so genau, dass sie zur gleichen Zeit zu einem gemeinsamen Zweck entstanden sein müssen. Vey meint dazu 1990: »Verbildlichte das Göttinger Blatt das Stadtregiment, so das Kölner Blatt den Handel als Fundament des städtischen Wohlstandes.«

In einer antikisierenden Säulenhalle kennzeichnet links ein Mann die geschnürten Ballen, von links kommt ein weiterer Mann, der einen Stapel flacher Platten im Arm hält. Sind es Tuchballen oder ungebundene Bücher? Sie werden zum Verschicken in Ballen und Fässer verpackt. Von rechts tritt aus einer erhöhten Tür ein Mann in einem langen Gewand heraus, den man sofort als Herrn des Hauses ausmacht. Im Hintergrund transportieren Männer Ballen auf dem Rücken bzw. mittels einer Schubkarre, noch weiter entfernt erkennt man den Ladekai mit Kran und Lastschiffen, am Horizont grüßt der unvollendete Dom, womit jeder sofort weiß: Die Szene spielt in Köln.

Aber auch die Erwerbungsgeschichte spielt in und bei Köln. Das Stadtmuseum kaufte das Blatt 1976 für 5.000 DM von dem Kunsthändler Heinz Kisters. Mitte der 1950er Jahre hatte es sich bei der Kunsthandlung Venator in Köln gefunden, kam dann als Geschenk an Bundeskanzler Adenauer. Vor Geburtstagen teilte Adenauers Sekretariat den Vorständen größerer Unternehmen regelmäßig mit, womit dem Kanzler eine Freude zu machen sei. Zu Adenauers 80. Geburtstag am 5. Januar 1956 organisierte die deutsche Wirtschaft sogar eigens eine Spendenaktion, von deren Erlös sich der Regierungschef Kunst aussuchen sollte. Später gab Adenauer diese Braun-Zeichnung im Tausch an Heinz Kisters in Kreuzlingen am Bodensee weiter, der sie schließlich in Köln anbot.

Heinz Kisters (1912–1977) war der schillerndste Kunsthändler der frühen Bundesrepublik – und der Galerist des Kanzlers. 1950 lernte Adenauer den damals 38 Jahre alten Unternehmer kennen. Bekannt machte beide der Kölner Bankier Robert Pferdmenges. Fortan war Kisters der »Kunsthändler des Bundeskanzlers«. Bis zu dessen Tod im Jahr 1967 steuerte er, welche Gemälde und Skulpturen in der Rhöndorfer Villa Eingang fanden; leider stellten sich nach Adenauers Tod die meisten Werke als weit weniger wertvoll heraus, als der Kanzler und seine Erben gedacht hatten. Kisters hatte ihn schlicht »übers Ohr gehauen«. Während des Zweiten Weltkriegs war Kisters (obwohl im besten wehrtauglichen Alter) als Nachrichtentechniker – vom Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« als »Radiofabrikant aus Köln« tituliert – tätig, mehr ist nicht bekannt. Aber diese Geschäfte schienen so gut zu laufen, dass er es sich allein zwischen 1941 und 1944 leisten konnte, 105 Gemälde zu erwerben, die das Wallraf-Richartz-Museum aus seinem Depot verkaufte. Kisters schaffte es, den 74-jährigen Adenauer von seinen Kenntnissen und Fähigkeiten zu überzeugen – und bot ihm 17 Jahre lang regelmäßig Bilder an, die zum Teil aus jenen Beständen stammten, die der zwischenzeitlich ins Schweizer Steuerparadies umgezogene Kisters dem WallrafRichartz-Museum abgekauft hatte.

 

Ein Kölner Handelshaus mit Hafenbetrieb, Augustin Braun, um 1618, Federzeichnung in Braun auf graugrünem Papier, blassbraun und blassblau laviert und mit Deckweiß gehöht, H: 18 cm, B: 26,9 cm (unregelmäßig beschnitten), Inv.-Nr. KSM 1976/345. Foto: rba_d033467


Autor: Rita Wagner M. A.

 

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