Ein Weltstar geht am Stock

Als der Kölner Sänger und Besitzer dieses Stocks, Michael Bohnen, 1964 zurückgezogen und verarmt starb, war der einstige Opernstar und »Königlich preußischer Hofoperkammersänger« schon in Vergessenheit geraten. Nach Abschluss seiner Ausbildung als Bassbariton am Kölner »Steinbach-Konservatorium« gab er 1910 sein Debüt am Düsseldorfer Stadttheater. Dies war der Auftakt für eine eindrucksvolle Karriere: In Folge spielte er am Hoftheater in Wiesbaden, an der Hofoper Berlin, in Bayreuth und Wien. 1920 wechselte er erst zum Metropolitan-Ensemble nach New York und dann zum Film.

<strong>Spazierstock von Michael Bohnen</strong>, Köln, um 1914. Foto: rba_d033535
Spazierstock von Michael Bohnen, Köln, um 1914. Foto: rba_d033535

Allein eine Gedenktafel am Geburtshaus am Friesenwall 102 a erinnert heute noch an ihn. Doch wer war dieser Michael Bohnen? Geboren am 2. Mai 1887, wurde er am 26. Mai desselben Jahres in St. Gereon getauft. Taufpate war August Bebel, der Begründer der organisierten sozialdemokratischen Arbeiterbewegung, mit dem Bohnens Vater, ein Volksschullehrer, sympathisierte und eine enge Freundschaft unterhielt. Bohnen besuchte eine Höhere Schule, die er jedoch im Alter von 16 Jahren – kurz vor dem sogenannten »Einjährigen« – verließ. Bereits als Schüler wusste er durch seine wunderschöne Stimme aufzufallen und vor allem zu gefallen. Der Entschluss, Sänger zu werden, war gefasst. Mit Hilfe eines Stipendiums studierte er ab 1904 am Kölner »Steinbach Konservatorium« beim berühmten Gesangspädagogen Professor Richard Schulz-Dornburg. Nach Abschluss der Ausbildung zum Bassbariton, mit einem seltenen Stimmvolumen von drei Oktaven, gab Bohnen 1910 am »Düsseldorfer Stadttheater« sein Bühnendebüt als Jägerbursche Kaspar im »Freischütz«.

Von nun an gab es für den aufstrebenden Opernsänger kein Halten mehr. Bereits 1912 wechselte er, trotz noch laufenden Vertrags, von Düsseldorf an das Hoftheater in Wiesbaden. Parallel spielte er an der Hofoper in Berlin, wo ihm, als Ersatz für einen erkrankten Kollegen, in der Rolle des Gurnemanz in Wagners »Parsifal« der endgültige Durchbruch gelang. Vorausgegangen war bereits im Jahr 1913 die Ernennung durch Kaiser Wilhelm II. zum »Königlich preußischen Hofoperkammersänger«. Von nun an spielte Bohnen in Bayreuth, Wien, Berlin, New York und London. Aber auch seine Heimatstadt vergaß er nicht. Anlässlich einer Festvorstellung zugunsten der Kölner Kriegswaisenfürsorge sang er den Escamillo in der Oper »Carmen« unter der Leitung von Alfred Nickisch, der ihn »einen Gott« nannte. Als Bohnen in den 1920er Jahren in New York auftrat, gehörte er mit Benjamino Gigli und Fjodor Schaljapin zu den berühmtesten Namen des Metropolitan-Ensembles.

1919 aber schockierte er – der Königlich preußische Kammersänger – sein Publikum, als er zum Film wechselte. In zahlreichen Stummfilmen mimte Michael Bohnen und trat später auch in Dutzenden Tonfilmen auf. Hierzu gehören »August der Starke«, »Achtung, Feind hört mit« und »Münchhausen«.

Nach Bohnens Weigerung, in weiteren nationalsozialistischen Propagandafilmen mitzuspielen, soll sein Sohn als Frontpriester eingezogen worden sein, um, nach eigenen Aussagen, Druck auf den Opernstar auszuüben. Am 8. Oktober 1942 fiel der Sohn während eines Fronteinsatzes im Kaukasus.

Nach dem Krieg kostete ihn die Falschaussage seines Schülers Hans Beirer im Zuge der Entnazifizierung seine Stelle als Intendant der Deutschen Oper Berlin. Es ist unklar, ob Bohnen mit dem NS-Regime sympathisierte oder nicht. Er selbst gibt an, zur Mitwirkung bei den Filmen gezwungen worden zu sein. Doch auch nach der Rehabilitierung kann er kaum noch Fuß fassen.

Allmählich rehabilitiert, trat er ab 1950 an der Deutschen Oper Berlin auf, wo er 1951 seine Karriere beendete. Verarmt und zurückgezogen starb Michael Bohnen – »der deutsche Schaljapin« – am 26. April 1965 an Herzversagen.

Im Jahr 1998 hat Josef Kley, ein großer Verehrer und Kenner Bohnens, diesen Spazierstock dem Kölnischen Stadtmuseum geschenkt. Kley bekam 1964 bei einem Besuch des inzwischen zurückgezogen lebenden Bohnen acht verschiedene Gehstöcke, die in dessen Besitz waren, zum Geschenk. Kley schenkte verschiedenen Institutionen die Gehstöcke, um das Andenken an Bohnen aufrechtzuerhalten. Den Gehstock, den er dem Stadtmuseum geschenkt hat, hatte Bohnen im Jahr 1914 in London von Startenor Enrico Caruso erhalten. Es war ein Dankgeschenk, da Bohnen Caruso während eines Schwächeanfalls helfend zur Seite stand. Caruso selbst hatte den Stock bei einem Aufenthalt in Köln gekauft.

 

Spazierstock von Michael Bohnen, Köln, um 1914. Holz, Leinenbezug; L: 91 cm, Inv.-Nr. KSM 1998/396. Geschenk von Josef Kley, 1998. Foto: rba_d033535


Autor: Stefan Lewejohann

 

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