Ein Haus für Kinder

Nachdem Kinder seit dem 18. Jahrhundert allmählich nicht mehr nur als kleine Erwachsene betrachtet wurden und der Kindheit eine eigene Entwicklungsstufe mit eigenen Bedürfnissen zugesprochen wurde, entwickelte sich auch ein Bedarf an pädagogischem, kindgerechtem Spielzeug. Dieses Puppenhaus aus den 1830er-Jahren orientiert sich an einem zeitgenössischen, französischen Chalet und ist mit Glasfenstern, Papiertapeten, Teppichen und Miniatur- Möbeln bestmöglich ausgestattet, damit die Mädchen im Spiel ihre künftige Rolle in Ehe, Familie und Gesellschaft einüben können.

<strong>Puppenhaus,</strong> Nordfrankreich um<strong> </strong>1830. Foto: rba_d033577
Puppenhaus, Nordfrankreich um 1830. Foto: rba_d033577

Seilspringen, Höppe Mötzche [Kästchenhüpfen], Räuber und Schanditz! Als sich Mädchen und Jungen noch relativ unbeschwert auf den Straßen der wachsenden Großstadt bewegen konnten, gehörten diese zu den populärsten Spielen der Kölner Pänz. Oder: »Wer sich umdreht oder lacht, kriegt den Buckel schwarz gemacht«. Was durchaus passieren konnte, ging schließlich mit einem Mal der »Plumpsack« um. »Draußen spielen«, das war schon immer ein gutes Stück verwegener und wilder, denn hier entzog sich der Nachwuchs den strengen Blicken und den Gesetzen der Erwachsenenwelt. Hier konnten Kinder endlich das sein, was ihnen die »Großen« über einen langen Zeitraum gar nicht zugestehen wollten: Kinder! Denn diese Wesen galten in der Frühen Neuzeit als »kleine Erwachsene«, die man im Familienverband auch nicht anders, schon gar nicht altersspezifisch zu behandeln hatte.

Erst der Schriftsteller und Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) setzte mit seinen Schriften zur Pädagogik neue Maßstäbe: Man müsse den Erwachsenen als Erwachsenen und das Kind als Kind betrachten, schrieb er 1762. Er mahnte an, dass Heranwachsende ihren eigenen Status und eigene Bedürfnisse haben, die zu respektieren seien. Der Erziehung kam nach seiner Ansicht die Aufgabe zu, die natürlichen Anlagen und Talente des Nachwuchses zu entdecken und – behutsam lenkend – zu fördern. Diese revolutionäre Sicht der Kindheit zog bald ihre Kreise: Zunächst beim Adel und in den wohlhabenden Bürgerfamilien, später auch im städtischen Bürgertum und im Proletariat, wo die Jüngsten schon früh in den Arbeitsprozess der Erwachsenen involviert und nicht selten ausgebeutet wurden.

Mit dem erwachenden Interesse an den Eigenarten des Kindes entwickelte sich auch das stetige Bemühen, die Kinder in ihrer Entwicklungsphase möglichst nachhaltig zu prägen. Daran versuchten sich dann nicht nur Generationen von Lehrern und Erziehern, sondern auch die Erzeuger selbst: beispielsweise indem sie ihren braven Spross mit »kindgerechter« Ausstattung bedachten: Fortan trugen die Kleinen nicht mehr – wie noch im Mittelalter üblich – denselben Zwirn, sondern ein »Kinderkleidchen«. Und sie bekamen das kindgerechte Spielzeug an die Hand, die Puppe, den Teddybären und – wenngleich in eher begüterten Kreisen – ein Puppenhaus wie dieses auf den Gabentisch gestellt. Somit war das Toben in der Gosse ausgeschlossen, das Kind beim Spiel unter wohlwollender Beobachtung und die eigentliche Zielgruppe, das reifende Mädchen, auf ihre künftige Rolle in Ehe, Familie und Gesellschaft vorzüglich vorbereitet.

Der pädagogische Hintergedanke schmälert allerdings nicht den Gesamteindruck: Bei dem Meisterstück aus der Zeit um 1830 handelt es sich um ein Gebäude nach dem Vorbild eines zeitgenössischen nordfranzösischen Chalets. Das zweigeschossige Haus im ländlichen Stil ist charakterisiert durch gliedernde Fassadenverkleidungen mit Weidenstöcken und -ruten, auf dem Dach durch Spanschindeln. Innen gefielen (vor allem den Kleinen) die textilen Teppiche, Stickereien und gemusterten Papiertapeten und nicht zuletzt ein umfangreiches Inventar mit Liebe zum Detail: vom Rundtisch mit fünf Stühlen über den Rollsekretär und Kommoden bis zur Wiege mitsamt Babypuppe. Vom Hersteller und Fertigungsort ist nichts bekannt, allerdings gelangte das Puppenhaus im Jahr 1972 über eine Luzerner Galerie als Ankauf in die Bestände des Kölnischen Stadtmuseums, wo zu jener Zeit eine eigene Ausstellung zum Thema »Spielen« in Vorbereitung war.

 

Puppenhaus, Nordfrankreich, um 1830, Holz, Scheiben: Glas; Innenausstattung: Textil, Papier; H: 95 cm, L: 52 cm, B: 42 cm, Inv.-Nr. KSM 1972/221. Ankauf Galerie Fischer, Luzern, für 800 SFR = 657,60 DM. Foto: rba_d033577


Autor: Rüdiger Müller

 

Newsletter


Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und stimme dem Erhalt des Newsletters zu.


Kölnisches Stadtmuseum

Zeughausstraße 1–3
50667 Köln
Kasse: 0221/221-22398
Nur montags: 0221/221-25789
Fax: 0221/221-24154
E-Mail: ksm@museenkoeln.de

 

Öffnungszeiten

Dienstag: 10–20 Uhr
An Feiertagen bis 17 Uhr
Mittwoch bis Sonntag: 10–17 Uhr
KölnTag (1. Donnerstag im Monat): 10–22 Uhr
montags geschlossen

 

Eintrittspreise

Ständige Sammlung
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Sonderausstellungen
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Kombikarte 
€ 7,50, ermäßigt € 5,00