Die vier Söhne der Haggada

Der Sederteller ist fester Bestandteil des jüdischen Pessach-Festes; der Seder-Abend bildet den Auftakt der Feierlichkeiten. »Seder« bedeutet Ordnung, insbesondere dieser erste Abend unterliegt über Jahrhunderte gelebten Regeln. Neben Mazzoth, Salzwasser und Weinbecher wird mit dem Sederteller der Tisch für die Gäste gedeckt, auf ihm werden sechs verschiedene Gaben (Speisen) angeordnet. Jeder Gast hat eine Haggada (Erzählung) an seinem Platz liegen, aus der am Sederabend vorgelesen wird. Der Abend dient der religiösen Unterweisung der nächsten Generation und hat auch deshalb einen hohen Stellenwert unter den Feiertagen.

<strong>Sederteller, </strong>18. Jahrhundert. Foto: rba_d033568
Sederteller, 18. Jahrhundert. Foto: rba_d033568

Der Sederteller wird beim Pessach-Fest zur symbolhaften Anordnung von Speisen benutzt. Pessach ist neben Chanukka das jüdische Familienfest, das auch oft von säkular lebenden Juden begangen wird. An dem achttägigen Fest (in Israel sieben Tage) im Frühlingsmonat Nissan gedenken die Juden des Auszugs aus Ägypten und des Endes der Sklaverei. Das Fest soll das Gedächtnis an den Widerstand gegen die Unterdrückung der Juden aufrechterhalten. Vor dem Fest wird das gesamte Haus gereinigt und alle Sauerteigreste sowie damit in Verbindung gekommene Gegenstände entfernt. Gegessen wird zu Pessach nur ungesäuertes Brot, Mazze oder Mazzoth. Der Sederabend bildet den Auftakt. Auf dem Tisch wird neben den Mazzoth Salzwasser als Erinnerung an die Tränen bei der Zerstörung des Tempels in Jerusalem, Weinbecher und der Sederteller zurechtgestellt. Sechs Gaben werden auf ihm angeordnet: Maror (Bitterkraut), Karpas (Sellerie, Petersilie oder Radieschen), Chaseret (Meerrettich), Charosset (Mischung aus Äpfeln, Nüssen und Feigen), Sroa (Lamm- oder Hühnerkeule) und Bejza (geröstetes Ei in Schale). Seder bedeutet »Ordnung« – das Fest und insbesondere der erste Abend unterliegen über Jahrhunderte gelebten Regeln.

Auf dem Teller sind eingraviert die vier Söhne der Haggada. Jeder Gast hat eine Haggada (»Erzählung«) an seinem Platz liegen, aus der am Sederabend vorgelesen wird. Darin ist auch die Geschichte vom Auszug aus Ägypten enthalten. Bei Beginn des Festes fragt traditionell der jüngste Anwesende nach der Bedeutung des Rituals. Es ist eine Herausforderung für den Hausherrn, meist der Vater, die Erzählung so interessant wie möglich zu gestalten, damit die Kinder den Sinn der Ordnung verstehen. Da Kinder verschieden fragen, muss der Erzähler für alle eine passende Antwort haben. Die verschiedenen Fragen gehen auf die Tora, den wichtigsten Teil des Tanach – der religiösen Schriften –, zurück und werden durch die vier Söhne der Haggada dargestellt: »der Weise, der Böse, der Einfältige und der nicht zu fragen versteht« (so im Fond des hier vorgestellten Tellers). Die religiöse Unterweisung der nächsten Generation dient der Weitergabe des Glaubens und des Zusammenhalts. Daher kommt dem Fest eine hohe Wertigkeit in der religiösen Unterweisung zu. Über Jahrhunderte hinweg kam es in der Pessach-Zeit oft zu Pogromen, da Christen während ihres fast zeitgleich stattfindenden Osterfestes die Juden als »Gottesmörder« verfolgten.

Der zentrale Charakter des Pessach-Festes hat viele Sederteller erhalten lassen. Dieses Exponat stammt aus dem 18. Jahrhundert. Am Rand ist in Hebräisch das Sederritual beschrieben. Der Teller erinnert – neben anderen Exponaten – an die jüdische Geschichte Kölns.

Urkundlich erwähnt ist die jüdische Gemeinde in einem Dekret Kaiser Konstantins I. von 321, der auf eine frühere Regelung hinweist. Somit ist die Gemeinde älter und die älteste nördlich der Alpen. Im Mittelalter gab es eine große jüdische Gemeinde mit einem eigenen Stadtviertel am Rathaus. Die derzeit entstehende Archäologische Zone erinnert daran. 1424 wurden die Juden aus der Stadt vertrieben. 1794 besetzte die französische Revolutionsarmee Köln, aber es dauerte noch vier weitere Jahre, bis die Bürgerrechte der Juden wiederhergestellt wurden. Im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden neue Gemeinden. 1890 kam Max Bodenheimer nach Köln, einer der Gründer der deutschen zionistischen Bewegung. Er musste 1933 emigrieren. Zu diesem Zeitpunkt waren 15.000 Kölnerinnen und Kölner jüdischen Glaubens. Während der NSZeit wurden sie verfolgt und drangsaliert. Mehr als 7.000 von ihnen wurden in den Vernichtungslagern ermordet. Nach dem Krieg gründete sich die Synagogengemeinde neu. Mit der Öffnung der osteuropäischen Staaten und der daraus folgenden Einwanderung in den 1990er Jahren wuchs die Gemeinde auf über 5.000 Mitglieder heran. Sie ist heute ein fester Bestandteil der Stadtgesellschaft und des religiösen Lebens in Köln.

Der Teller gelangte 1930 als Ankauf von dem Händler Albert Italiander aus Krefeld als »jüdische Zinnschüssel« ins Museum, zum Aufbau der Sammlung von Objekten zur jüdischen Geschichte des Rheinlands nach der Jahrtausendausstellung 1925. Die heute über 350 Objekte umfassende Sammlung zum Judentum umfasst vorwiegend Gegenstände des religiösen Kultus, aber auch solche des Alltags. 

Der zentrale Charakter des Pessach-Festes hat viele Sederteller erhalten lassen. Dieses Exponat stammt aus dem 18. Jahrhundert. Am Rand ist in Hebräisch das Sederritual beschrieben. Der Teller erinnert – neben anderen Exponaten – an die jüdische Geschichte Kölns.

 

Sederteller, Köln, 18. Jahrhundert (Kölner Marke: drei Kronen, Monogramm »S I L« mit Rad und Zahl »95« in geschweiftem Schild). Zinn, graviert; H: 3,2 cm, Dm: 35,1 cm, Inv.-Nr. RM 1930/2. 1930 Ankauf von Albert Italiander aus Krefeld als »jüdische Zinnschüssel« zum Aufbau der Sammlung von Objekten zur jüdischen Geschichte im Rheinischen Museum nach der Jahrtausendausstellung 1925. Foto: rba_d033568


Autor: Dr. Ulrich S. Soénius

 

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