Die Kamera des wandernden Fotografen

Der Fotograf August Sander schenkte seiner Auszubildenden zur bestandenen Gesellenprüfung eine Reisekamera, mit der er vermutlich früher selbst über Land gezogen war.

<strong>Zusammenklappbare Reisekamera mit Klappstativ und 2 Negativkassetten.</strong> Foto: rba_d033520
Zusammenklappbare Reisekamera mit Klappstativ und 2 Negativkassetten. Foto: rba_d033520

Anhand der Aufschrift auf dem Objektivteil ist der Hersteller identifizierbar: Es handelt sich um die Emil Busch AG Optische Industrie aus Rathenow. Das Unternehmen wurde 1801 vom Pfarrer Johann Heinrich August Duncker und von Samuel Christoph Wagener, dem Leiter der Industrieschule der Rathenower Garnison, als »optische Industrie-Anstalt« gegründet. 1845 übernahm Dunckers Enkel Emil Busch die Leitung des Unternehmens. Er erkannte rasch die Möglichkeiten einer neuen Technik – der Fotografie. Im Jahr 1852 nahm er Fotoapparate und Objektive in das Produktionssortiment auf, darunter 1865 das neu erfundene Weitwinkelobjektiv Pantoscop. Ab der Jahrhundertwende kamen unter dem Namen R.O.J.A verschiedene Kameras auf dem Markt, etwa eine aus Edelholz gefertigte Kamera für 13 x 18 cm-Negativplatten mit einem Busch Anastigmat-Objektiv.

Seit 1908 hieß das Unternehmen Emil Busch AG Optische Industrie. 1943 wurde die Carl-ZeissStiftung Mehrheitsaktionär. Nach 1945 enteignet, entstanden in Rathenow die VEB ROW, die 1966 in das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena eingegliedert wurden. Die Emil Busch AG verlegte ihren Sitz 1949 nach Göttingen. Beide Unternehmen stellen schon lange keine Kameras mehr her, sondern sind quasi zu ihren Anfängen, den optischen Instrumenten, zurückgekehrt, natürlich im Gewand des 21. Jahrhundertes.

Allerdings ist diese Kamera für Köln weniger aus Gründen der Geschichte der Fototechnik interessant, sondern vor allem wegen ihrer Provenienz. Sie gehörte dem Fotografen August Sander, der sie 1943 seiner Auszubildenden, die damals noch Lehrling hieß, zur bestandenen Gesellenprüfung schenkte. Ilse Heinemann (geb. 1924), später verheiratete Dywan, hatte von 1940 bis 1943 bei Sander eine Fotografenlehre gemacht. Die geschenkte Kamera benutzte sie jedoch nicht, da sie zunächst infolge der Kriegswirren und nach ihrer Hochzeit aus familiären Gründen ihren erlernten Beruf nicht ausübte. Sie lieh sie dem Godesberger Graphiker Herbert Böhler, der die Kamera nach vergeblichen Versuchen, sie für seine Arbeit zu nutzen, 40 Jahre später zurückgab. Daraufhin schenkte sie die Kamera ihrem Sohn, Dr. Walter Geis, inzwischen langjähriger Mitarbeiter des Stadtkonservators der Stadt Köln. Dieser hatte geplant, das Rheinland mit der Sander‘schen Technik zu fotografieren. Dafür wurden eine neue Mattscheibe und ein Adapter für ein gebräuchliches Negativformat eingesetzt. Aber letztendlich blieb es bei der Idee. Stattdessen übergab Walter Geis die Kamera mit Zubehör 2001 dem Kölnischen Stadtmuseum.

Der 1876 im Siegerland geborene Sander (gest. 1964) war nach Jahren der Wanderschaft und einer in Linz a. d. Donau erfolgreich gestarteten Fotografenkarriere 1909 nach Köln gezogen. In Köln arbeitete er zunächst für das renommierte Fotoatelier Blumberg & Herrmann, bevor er sich selbstständig machte. Die Familie lebte in KölnLindenthal, sein wichtigster Kundenstamm aber war im Westerwald. Dorthin begab er sich sonntags – vielleicht mit der hier präsentierten Kamera –, wenn die Menschen ihren Sonntagsstaat trugen und Zeit und Muße für Fotos mitbrachten. 1914 als Sanitätssoldat eingezogen, kam er erst 1918 nach Köln zurück. In den 1920ern schloss er Bekanntschaft mit der Kölner »Gruppe progressiver Künstler«, die sich besonders von Sanders Porträtaufnahmen angesprochen fühlten. 1929 erschien eine Sammlung von 60 Porträtaufnahmen unter dem Titel »Antlitz der Zeit«. Wirtschaftskrise und vor allem der Aufstieg der Nationalsozialisten setzten seiner künstlerischen Karriere zunächst ein Ende. Erst in den 1950er Jahren wurde er von einer neuen Generation wiederentdeckt.

1926 war Sander der Kölner Fotografeninnung beigetreten, um seinen jüngsten Sohn Gunther regulär ausbilden zu können. Hiervon profitierten dann auch andere angehende Fotografen, wie diese Schenkung zeigt.

 

Zusammenklappbare Reisekamera mit Klappstativ und 2 Negativkassetten, Objektiv: Emil Busch AG Optische Industrie. Kamerateil: H: 24,5 cm, T ausgezogen: 25 cm, B: 17,5 cm, Holz, Metall, Stoffhülle, Inv.-Nr. KSM 2002/357. Schenkung von Dr. Walter Geis, Köln, 2001. Foto: rba_d033520


Autor: Rita Wagner M.A.

 

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