Des Bauernfängers reiche Beute

Lokalpatriotisches Sponsoring im Krieg: Wie andere Städte im Reich auch, so besaß Köln eine Nagelfigur, hier mit dem lokalen Bezug des »Kölschen Boor«. Mit jedem gestifteten und in die 1915 aufgestellte Figur eingeschlagenen Nagel sollte Geld für die Kriegswaisen und -witwen zusammenkommen. Einzelpersonen und Gruppen, darunter auch Schulklassen, wurden als Spender rekrutiert, und ließen sich anschließend am »Boor« ablichten. Die Ergebnisse wurden dann in Sammelalben zusammengefasst.
Nachdem der Krieg sein Ende gefunden hatte, gelangte das Album 1920 und später der »Kölsche Boor en Iser« selbst als Zeugnis einer abgeschlossenen Geschichtsepoche ins Museum.

<strong>Fotoalbum »Kölscher Boor en Iser«</strong>, 1915/16. Foto: rba_d033426
Fotoalbum »Kölscher Boor en Iser«, 1915/16. Foto: rba_d033426

Ausgehend von Wien, wo bereits 1914 eine Holzskulptur »Ritter« zum Benageln aufgestellt wurde, verbreitete sich dieses damals neue Genre der plastischen Kunst wie ein Lauffeuer in Österreich-Ungarn und im Deutschen Reich. Zweck der Benagelungsaktion war es, Geld zu sammeln. Die gesammelten Beiträge flossen in Einzelfällen direkt der Rüstungsindustrie zu, meist waren sie aber zur Unterstützung von Kriegerwitwen und Kriegswaisen vorgesehen.

So war es auch in Köln. Stifter der Figur des Kölschen Boor (Kölner Bauern) war der Kölner Unternehmer Max von Guilleaume (1866–1932). Am 20. Juni 1915 wurde das teilweise vergoldete Standbild aus Lindenholz vom damaligen Oberbürgermeisters Max Wallraf im Beisein der Kaiserschwester Victoria Prinzessin von Schaumburg-Lippe der Kölner Bevölkerung und seiner Bestimmung übergeben. Aufgestellt war es auf der Südseite des Gürzenichs in einem kuppelüberwölbtem Pavillon mit einer apsidenartigen Ausbuchtung an der Rückseite. Über den drei rundbogigen Öffnungen war im Putz eingeritzt die Inschrift »HALT FASS AM RICH DO / KÖLSCHEN BOOR MAG ET / FALLE SOESS OV SOOR«. Auf der Südseite des Pavillons fand sich die Signatur des entwerfenden Architekten »F«(ranz) »B«(rantzky) (1871–1945). Auch die Figur ist auf der Vorderseite des Sockels signiert mit »WALLNER« (Bildhauer Wolfgang Wallner, 1884– 1964). Beide Künstler waren zum Zeitpunkt der Errichtung des Bauern samt seiner theatralischen Inszenierung in Köln vielbeschäftigt und hoch angesehen. Spätestens seit ihrer gemeinsamen Arbeit auf der Deutschen Werkbund-Ausstellung 1914 in Deutz kannten sie sich.

Ab einer Spende von einer Mark konnte ein eiserner Nagel, gegen erheblich höhere Beträge eine Plakette mit Nennung der/des Stifter/s angebracht werden. Abschließend konnte man sich in ein nicht mehr vorhandenes Buch eintragen, und für Stiftergruppen bestand die Möglichkeit, sich zum Andenken ablichten zu lassen. Die Einbandentwürfe bewahrt das Kölnische Stadtmuseum. Alle im Album dokumentierten Gruppen finden sich mit Plaketten am Bauern wieder. Leider hat sich nur das »Album I« erhalten, aber die hohe Anzahl der montierten Plaketten lässt erahnen, dass es weitere Alben gegeben hat.

Zur weiteren Spendenanimation wurde ein eigener Verein mit Sitz im Stadthaus gegründet, der ab Anfang 1916 eine Werbezeitschrift herausgab; sie erschien wöchentlich unter dem Titel »Der Kölschen Boor« bis zum 29. Juni 1919. Den »Kölschen Boor« gab es als Reduktionen in Gusseisen und als Relief auf zahlreichen Plaketten in den Größen von 3,2 bis 45 Zentimetern; ferner stellte die »KriegsAndenken-Gesellschaft m.b.H.« mit Sitz im Kölner Deichmannhaus Dosen aus »Kriegsstahl-Onyx« mit dem Relief des Boors für Wiederverkäufer her.

Am Ende des Krieges hatte der etwa 3,25 Meter große stolze Recke ausgedient; er hatte immerhin etwa 1,6 Millionen Mark »eingespielt«. Mittlerweile ein wenig ramponiert, wurde er am 28. Januar 1919 in den Börsensaal des Gürzenichs in Sicherheit gebracht und der Pavillon abgebrochen. 1925 anlässlich der Jahrtausendausstellung im Ehrenhof des Messegeländes Deutz neu aufgestellt, wanderte er danach ins Rheinische Museum. Im August 1934 war er kurzfristig in der Eingangshalle des Gürzenichs installiert und gelangte dann in das »Haus der Rheinischen Heimat« nach Deutz. Im Oktober 1936 erneut vor dem Gürzenich aufgestellt als Werbung für die Ausstellung »Kampf um 1 ½ Milliarden«, entschwand er danach in Depots und überlebte dort den Zweiten Weltkrieg. 1949 wurde er auf der »Rheinischen Landwirtschaftsschau« gezeigt, danach erneut deponiert, ab etwa 1970 im Depot des Kölnischen Stadtmuseums, 1982 aus der Versenkung geholt, um sein hoffentlich endgültiges Domizil in der Dauerausstellung des Stadtmuseums zu finden; ein Abzeichen und ein Reduktionsmodell des Boors aus Gusseisen sind seit 1984 bzw. 1998 ebenfalls im Bestand des Museums.

 

Fotoalbum »Kölscher Boor en Iser«, Köln 1915/1916, Originalleinwandeinband mit Prägung: Inschrift »ALBUM«, eingefasst in einem Blütenkranz, Handschriftlicher Vermerk auf der Vorderseite »I.« Vorn doppelseitiges, hinten einseitiges Vorsatzpapier mit Blättern, Früchten und Stängeln im Jugendstil. Innen 148 von ursprünglich 156 Fotografien als Postkarten mit Schüler-, Betriebs- und Militärgruppen vor der Figur des »Kölschen Boor« H: 23,5 cm; B: 23,5 cm; T: 3 cm, aufgeschl., Inv.-Nr. HM 1920/26. Schenkung von Geheimrat Max Guilleaume, Köln, zusammen mit anderen Relikten des Kölschen Boor im Gesamtwert von 300 Mark. Foto: rba_d033426


Autor: Dr. Johannes Ralf Beines

 

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