Der Tatort von »Schnippel-Bock«

Kanonikus Franz Bock war in Köln als Sammler Legende. Dabei waren seine Methoden bisweilen etwas unorthodox … 1936 übernahm das Kölnische Stadtmuseum ein Konvolut neugotischer Möbel aus seinem Aachener Haushalt, zu einer Zeit, in der Mobiliar des späten 19. Jahrhunderts eher gering geschätzt wurde.

<strong>Schreibtisch, </strong>1865, Inv.-Nr. RM 1936/1363. Foto: rba_d033537
Schreibtisch, 1865, Inv.-Nr. RM 1936/1363. Foto: rba_d033537

Die Eintragung im Inventar des Rheinischen Museums listet 1936 ein Konvolut von Möbeln aus dem Bock‘schen Nachlass auf, das im Tausch (die Gegenleistung des Rheinischen Museums ist leider nicht genannt) aus dem Aachener SuermondtMuseum eingetroffen war. Es handelt sich um Teile des privaten Speise- und Arbeitszimmers, die wohl bereits 1891 mit einer umfänglichen Sammlung von Bestecken, Textilien, Gemälden, Skulpturen, Möbeln und Steinzeug aus dem Besitz Bocks in das Aachener Museum gekommen waren oder unmittelbar nach dessen Tod 1899.

Franz Johann Joseph Bock (1823–1899) wurde 1850 nach seinem Theologiestudium in Bonn in Köln zum Priester geweiht. Danach beschäftigte er sich, inzwischen Kaplan in Krefeld, intensiv mit Kunstgeschichte. Bekannt wurde er 1852 als Kurator einer Ausstellung mittelalterlicher Messgewänder, als Gründer einer Samt- und Seidenweberei für kirchliche Textilien in Krefeld und Lieferant von »mittelalterlichen« Stoffentwürfen.

Seiner Versetzung an die Kölner Pfarre St. Alban 1854 folgte 1855 die Ernennung zum Konservator des neu gegründeten Erzbischöflichen Diözesanmuseums. Mit einem zweijährigen Stipendium bedacht, konnte er reisen und ausgiebig forschen, nebenbei eine große Sammlung vor allem historischer Textilien (besser gesagt Textilfragmenten) als Anschauungsstücke zusammentragen. Dabei waren seine Methoden bisweilen etwas unorthodox und nach heutigem Verständnis konservatorisch bedenklich. Als Werkzeug nutzte er eine kleine Schere, mit der er (an unauffälligen Stellen) Teile aus historischen Messgewändern herausschnitt. Vor allem im Rheinland wurde bald vor ihm als »Schnippel-Bock« gewarnt. Doch die so ergatterten Pröbchen wurden systematisch geordnet und die Erkenntnisse daraus als dreibändiges Standardwerk »Geschichte der liturgischen Gewänder des Mittelalters« von 1859 bis 1871 publiziert.

Dass eine intensive Sammeltätigkeit nicht nur Lust, sondern auch Last bedeuten kann, musste auch Bock erfahren. Seine Wohnung platzte bald aus allen Nähten, und er entschloss sich zum Verkauf von Sammlerstücken. Nutznießer war unter anderem das Suermondt-Museum in Aachen. 1862 zum Ehrenkanonikus und zum Ehrendomherrn ernannt, bezog er eine Wohnung in Aachen. Hier fanden die 1865 individuell für Bock hergestellten Möbel in Anlehnung an spätgotisches Formengut Aufstellung. Leider sind weder Entwurfskünstler noch Hersteller bekannt. Die hohe handwerkliche Qualität, die feine Zeichnung der Ornamentierung und die Virtuosität der Behandlung vor allem des Schnitzwerks sind auffallend, sodass man geneigt ist, die Möbel dem Kölner Umfeld zuzuschreiben. Hier böte sich die Manufaktur der Gebrüder Heinrich (jun.) und Peter Klein in Köln an, die engen Kontakt zu verschiedenen rheinischen Neugotikern und auch zum Diözesanmuseum hatten, auf »gothische« Möbel für den kirchlichen und profanen Bereich spezialisiert waren und diese in ausgewählt feiner Ausführung lieferten. Es kann als sicher gelten, dass Bock und die Gebrüder Klein sich gekannt haben.

Besonders der Schreibtisch ist mit dem weiteren Wirken Bocks eng verbunden. So manche seiner späteren Veröffentlichungen dürften hier entstanden sein, sehr wahrscheinlich auch weitere Montagen von Textilsammelalben.

Doch auch nach der Übergabe ans Rheinische Museum belegen fotografische Dokumente die enge Verbundenheit mit dem Auf und Ab des Hauses. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs überstand der Schreibtisch zusammen mit den übrigen Bock‘schen Möbeln durch Auslagerung nach Gaibach, wo sie im Arbeitszimmer des Museumsdirektors Ewald zum Einsatz kamen. Nach 1945 kehrten die Möbel unbeschadet nach Köln zurück.

 

Schreibtisch, mit Inschrift auf Schublade: »INITIUM SAPIENTIAE TIMOR DOMINI« (Ps. 111/10: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit). Inschrift datiert: 1865. Eichenholz, geschnitzt; H: 79,7 cm, B: 162,3 cm, T: 111,4 cm, Inv.-Nr. RM 1936/1363 h. Tausch mit dem Suermondt-Museum, Aachen. Foto: rba_d033537


Autor: Dr. Johannes Ralf Beines

 

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