Der »kleine Dom« am Rande der Altstadt

Diese lavierte Federzeichnung zeigt eine neugotische Kirche in idyllischer Stadtlandschaft, die 1857 aber noch gar nicht gebaut war. Der Kölner Architekt Vinzenz Statz präsentiert hier mitten in den scharfen Diskussionen um den Abriss der wertvollen romanischen Vorgängerkirche St. Mauritius einen Entwurf für einen wegweisenden sakralen Bau der Neugotik in Köln. Schon vier Jahre später war es soweit: Die baufällige Vorgängerkirche wurde abgerissen und zwischen 1861 und 1866 konnte Statz seine neugotischen Träume architektonisch umsetzen. Diesem Kirchengebäude, das bei seiner Vollendung als „kleiner Dom“ gefeiert wurde, war aber nur eine kurze Lebensdauer bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg beschieden.

<strong>Vincenz Statz: Ansicht von St. Mauritius in Köln</strong>, 1857. Foto: rba_c015968
Vincenz Statz: Ansicht von St. Mauritius in Köln, 1857. Foto: rba_c015968

Von Norden, von der Straße Am Rinkenpfuhl aus, blickt der Zeichner und Architekt Vincenz Statz auf sein Werk voraus. Noch steht die alte romanische Kirche St. Mauritius da, kurz vor ihrem Abbruch 1859. Vorausgegangen sind jahrelange Auseinandersetzungen über Erhalt, Umbau oder Neubau des romanischen Kirchenbaus.

Dieser wurde 1135 als früheste Bürgerstiftung von Hermann von Stave begonnen, um 1141 geweiht und als erste romanische Kirche im Rheinland mit Kreuzgratgewölben aus Stein versehen. St. Mauritius diente gleichzeitig als Kloster- und als Pfarrkirche: Die Benediktinerinnen von Rolandswerth benutzten den Westteil mit Turm und Empore, die Pfarrangehörigen das Langschiff. Mit der Säkularisation 1802 wurden die Domänen für den Unterhalt eingezogen, Kloster und Kirche verfielen. Der Westturm wurde als Farbküche genutzt und musste 1832 durch einen schmaleren Turm ersetzt werden. Schwierige Eigentumsverhältnisse, der Wegfall der nahen Pantaleonskirche für den katholischen Gottesdienst und das rasante Bevölkerungswachstum verkomplizierten notwendige Erhaltungsmaßnahmen von St. Mauritius. Bei den Pfarrangehörigen wuchs der Wunsch nach einem neuen und modernen Kirchenbau.

In dieser Situation stiftete 1856 der Kölner Bürger und Pfarrangehörige Nikolaus Frank 80.000 Taler für einen Neubau. Er machte zur Bedingung, den Kölner Architekten Vincenz Statz (1819– 1898) als Bauleiter zu verpflichten, obwohl dieser keinen staatlichen Architektenabschluss, sondern nur eine Ausbildung an der Kölner Dombauhütte absolviert hat. St. Mauritius war in den Augen der Kölner Neugotik-Fraktion die Chance, zu beweisen, dass eine Lehre in der Dombauhütte mindestens genauso gut wie ein Akademieabschluss sei. Doch noch kämpften verschiedene Kräfte für den Erhalt der romanischen Kirche. Gegen ihren Abriss plädierte der preußische Konservator Ferdinand von Quast, der die Originalität des Bauwerks in Gegensatz zu den »nachahmenden Formen« der neugotischen Architektur stellte. Von Quast wusste König Friedrich Wilhelm IV. auf seiner Seite, der St. Mauritius selbst besucht hatte und sehr schätzte. Auf Geheiß des Königs musste Statz einen Kompromissentwurf erarbeiten, der einen Erhalt des romanischen Ostteils und einen neugotischen Chor mit Hochaltar im Westen vorsah.

Schließlich setzten sich die Befürworter des Neubaus durch, der Altbau wurde wegen angeblich schwerwiegender Baumängel abgerissen. Der Grundstein wurde 1861 gelegt, und bereits am 8. Juni 1865 konnte die neue Kirche geweiht werden. Im November 1866 wurde auch der 96 Meter hohe Turm mit der Mauritiusfigur von Peter Fuchs fertiggestellt.

Vermutlich hat Statz unser Blatt als Entwurfszeichnung für Nikolaus Frank geschaffen und 1857 im Diözesanmuseum präsentiert. Ein Vergleich mit zeitgenössischen Fotografien zeigt, dass der Entwurf – mit Ausnahme des Dachreiters und der Flankentürme – im Wesentlichen so realisiert wurde, wie von Statz hier vorgestellt. Entstanden ist ein repräsentativer Bau aus gelbem Backstein, eine Ikone der Neugotik in Köln. Als »kleinen Dom« feiert das »Organ für Christliche Kunst« 1865 den Neubau.

Der Weltkrieg hat St. Mauritius in Schutt und Asche gelegt. Fritz Schaller nahm die erhaltene Sockelzone, Teile der Apsis und der Polygonkapellen sowie den Turm wieder auf und baute St. Mauritius als verkleinerte Pfarrkirche wieder auf. 1958, als die Entwurfszeichnung von Statz in den Museumsbestand kam, ist die teilerneuerte Kirche der Pfarrgemeinde wieder für den Gottesdienst übergeben worden.

 

Vincenz Statz: Ansicht von St. Mauritius in Köln, 1857? Signiert: Statz (unten rechts). Bleistiftzeichnung, laviert und weiß gehöht; H: 24,3 cm, B: 34,2 cm (Ecken abgerundet), Inv.-Nr. KSM 1958/97. Ankauf von Jos. Schumacher, Bonn. Foto: rba_c015968


Autor: Dr. Bettina Mosler

 

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