Blauer Dunst vom Gülichsplatz,

In den späten 1920er Jahren gehörte Haus Neuerburg mit Firmensitz in Köln zu den größten Industrieunternehmen Deutschlands. Die gestiegene Nachfrage an Zigaretten nach dem Ersten Weltkrieg verhalf der Firma zu Ruhm und Reichtum. Den amerikanischen Trend der 1950er Jahre, die Zigaretten mit einem modernen Lebensgefühl zu verkaufen, verpasste Haus Neuenburg allerdings. Als diese Zigarettenschachtel 1979 in die Sammlung des Stadtmuseums gelangte, war vom einstigen Ruhm des Unternehmens nicht mehr viel übrig.

<strong>Zigarettenpackung </strong><strong>»Haus Neuerburg«, </strong>Köln, um 1975, KSM 1979/248. Foto: rba_d028242
Zigarettenpackung »Haus Neuerburg«, Köln, um 1975, KSM 1979/248. Foto: rba_d028242

500 Millionen Zigaretten im Jahr: Mit mehreren Fabriken in ganz Deutschland und einem Monatsumsatz von 15 bis 20 Millionen Reichsmark gehörte Haus Neuerburg in den späten 1920er Jahren zu den größten Industrieunternehmen Deutschlands.

Zu dieser Zeit hatte die Firma ihren Geschäftssitz bereits von Trier nach Köln verlegt und dies mit der Einführung der Marke »Overstolz« gefeiert. Die an das mittelalterliche Kölner Herrschergeschlecht der Overstolzen erinnernde Marke passte neben »Löwenbrück«, »Güldenring« und »Ravenklau« gut ins Programm des Tabakherstellers. Haus Neuerburg hatte gerade rechtzeitig die Umstellung von Pfeifentabak und Zigarren hin zur Zigarette vollzogen und konnte die gestiegene Nachfrage nach den Glimmstengeln im und nach dem Ersten Weltkrieg gut bedienen.

Der neue Firmensitz in dem zwischen 1923 und 1929 errichteten (auch »Haus Neuerburg« genannten) Gebäude am Gülichsplatz sollte dem Unternehmen jedoch nicht lange Glück bringen. Bereits 1935 wurde Haus Neuerburg vom direkten Konkurrenten Reemtsma aus Hamburg übernommen. Die Firma Haus Neuerburg bestand mit ihren Marken aber zunächst weiter und wurde durch die Entflechtung des Zigarettenmonopols in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sogar wieder eigenständig. In den 1950er Jahren ritt auch Haus Neuerburg zunächst auf der Wirtschaftswunderwelle. Aus dieser Zeit sind auch zum Teil kuriose Werbefilme der Firma überliefert: In einem dieser Filme wirbt ein dicklicher Junge für die Marke Overstolz. Heute, da Zigarettenwerbung im Fernsehen gänzlich verboten ist, undenkbar.

Doch während man die Modernisierung des Unternehmens Anfang des 20. Jahrhunderts noch genau zum rechten Zeitpunkt vorgenommen hatte, verschlief die Firmenleitung die nächste Neuerung auf dem Zigaretten-Markt: die Filterzigarette. Schon bald drängte die große Konkurrenz aus Amerika auf den deutschen Markt, und bereits 1960 wurden 51 Prozent der Firmenanteile an die Firma »Reynolds Tobacco« verkauft, die drei Jahre später auch die restlichen Anteile erwarb.

Die Marken von Haus Neuerburg blieben zunächst erhalten, doch verloren diese viele Marktanteile an amerikanische Marken wie Camel und Marlboro. Rauchen gehörte nicht mehr nur zum »guten Ton«, sondern sollte ein bestimmtes Lebensgefühl vermitteln. Der »Marlboro-Mann« entwickelte sich zum Beispiel seit 1954 zu einer wichtigen Werbefigur. Als Wayne McLaren, der wohl bekannteste »Marlboro-Mann« (er starb mit 51 an Lungenkrebs), 1976 zur Ikone wurde, versuchte Haus Neuerburg noch, mit dem Signet »Koeln Rhein« auf seinen Packungen aufzutrumpfen. Die hier vorgestellte Packung ist ein Beleg dafür, dass Haus Neuerburg im wahrsten Sinne aufs falsche Pferd gesetzt hatte.

Zu der Zeit, als die Zigarettenschachtel in die Sammlung des Stadtmuseums gelangte, war vom einstigen Ruhm des Unternehmens nicht mehr viel übrig. Kein Wunder also, dass sich der in Köln verbliebene Teil der Familie Neuerburg 1979 dazu entschied, die historische Zigarettenpackung dem Stadtmuseum zu überlassen. Wenn schon niemand mehr die Zigaretten rauchte, sollten sie wohl wenigstens einen Platz im historischen Gedächtnis der Stadt behalten.

Auch der Verkauf von Reynolds Tobacco (und damit auch von Haus Neuerburg) an Japan Tobacco International (JTI) 1999 tat dieser negativen Entwicklung keinen Abbruch. Die Marke Overstolz wird von JTI heute wieder in Trier produziert und ist also wieder zu den Wurzeln der Firma zurückgekehrt. Im »Haus Neuerburg«, dem ehemaligen Stammsitz am Gülichsplatz, befinden sich heute Teile der Stadtverwaltung, darunter der Bürgerservice, das Standesamt und Büros der Ratsfraktion »Die Linke«.

 

Zigarettenpackung »Haus Neuerburg«, Köln, um 1975, Papier, Tabak; H: 8,5 cm, B: 5,5 cm, T: 2,5 cm, Inv.-Nr. KSM 1979/248. Foto: rba_d028242


Autor: Sascha Pries

 

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