Als in Köln die Synagogen brannten

Dieses kleine, nur wenige Zentimeter große Objekt ist ein bedeutendes Zeugnis der Stadtgeschichte. Die Tefillin-Kapsel wurde nach dem Pogrom vom 9./10. November 1938 im Schutt der der Synagoge in der Kölner Glockengasse gefunden.

<strong>Tefillin-Kapsel, </strong>verm. 18. Jahrhundert. Foto: rba_KSM1966_178
Tefillin-Kapsel, verm. 18. Jahrhundert. Foto: rba_KSM1966_178

Von Bedeutung ist bei diesem sehr kleinen Objekt der Umstand, wann und wo es gefunden wurde: Die hier gezeigte Tefillin-Kapsel wurde nach Angabe des Schenkers, Herrn Hartmann aus Köln, am 10. November 1938 in der Kölner Synagoge in der Glockengasse gefunden. Es war das erste Objekt, das im Museum die Vorzeichen der Shoa repräsentierte.

Tefillin – Gebetsriemen und -kapseln – befestigt ein Gläubiger und mit zunehmender Emanzipation auch eine Gläubige gemäß dem biblischen Gebot mit schmalen Riemen an (linkem) Arm und Kopf, wenn er oder sie an Wochentagen das Morgengebet spricht. In den Fächern des Kubus finden sich vier Pergamentstreifen mit den vier Abschnitten aus der Tora, den fünf Büchern Moses: Ex. 13,1–10; 13,11–16; Dtn. 6,4–9; 11,13–21. Bei dieser TefillinKaspel sind die Buchstaben in hebräischer Quadratschrift mit brauner Tinte an einer markierten Linierung geschrieben. Auf zwei Seiten des Kubus findet sich der hebräische Buchstabe Schin als Abkürzung für den Gottesnamen. Die Lederbänder sind zerfallen und nicht mehr vorhanden.

Liesel Franzheim, die lange Jahre die JudaicaSammlung des Kölnischen Stadtmuseums betreute, verortete die Entstehung in das Köln des 18. Jahrhunderts. Leider gab sie keine weitere Erklärung hierzu. Es erscheint unwahrscheinlich, dass man in der intoleranten Atmosphäre Kölns während des Ancien Régimes Tefillin-Kapseln oder hebräische Schriften herstellte. Da wäre schon eher an Deutz oder Mülheim am Rhein zu denken. Dieses kleine Objekt jüdisch-rheinischer Geschichte gelangte vielleicht nach Niederlegung der Deutzer Synagoge in den 1880er-Jahren in die Obhut der Synagoge in der Glockengasse. Es ging vermutlich verloren, als religiöse Objekte von Gläubigen aus der brennenden Synagoge gerettet und auf dem jüdischen Friedhof in Bocklemünd vergraben wurden. Heute werden die kostbaren Relikte in der Synagoge in der Roonstraße gezeigt.

In Köln hatte es seit 1424, als alle Juden aus der Stadt vertrieben wurden, bis zum Ende der Reichsstadt keine Synagoge mehr gegeben. Erst die Eingliederung in das französische Staatswesen 1797 führte auch in Köln die Religions- und damit die Niederlassungsfreiheit für alle Nichtkatholiken ein. 1801 schlossen sich in Köln 17 jüdische Familienväter zu einer Gemeinde zusammen. Eine erste, sehr bescheidene Synagoge konnten sie dank der finanziellen Unterstützung des soeben aus Bonn zugezogenen Bankiers Salomon Oppenheim auf einem kleinen Grundstück des säkularisierten Klarissenklosters Maria-Tempel in der Glockengasse einrichten. Bis zur Jahrhundertmitte wuchs die jüdische Gemeinde kräftig an, sodass eine größere und auch repräsentativere Synagoge dringend nötig wurde. Aber erst das Angebot des Bankiers Abraham Oppenheims, »eine der Stadt Köln würdige Synagoge auf seine alleinigen Kosten erbauen zu lassen, um sie der Gemeinde als Geschenk zu übergeben«, machte einen Neubau möglich. Als Planungsarchitekten konnte Oppenheim den (protestantischen) Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner gewinnen, der eine Synagoge im maurisch-neoislamischen Stil entwarf, die am 29. August 1861 feierlich mit einer großen Festgemeinde eingeweiht wurde.

Der Neubau signalisierte auch die starke Identifikation der Kölner Juden mit ihrer rheinischen Heimat. Während des Ersten Weltkrieges wurde die Kupferabdeckung der Kuppel demontiert und von der Gemeinde als freiwillige Edelmetallspende abgeliefert. In den 1920er-Jahren zeigten sich erste bauliche Mängel. Da viele Gemeindemitglieder in die Neustadt und zur dortigen Synagoge abgewandert waren, erwog die Gemeinde einen Verkauf der Synagoge.

Aber während des Novemberpogroms wurde die Synagoge am 10. November 1938 durch Brandstiftung bis auf die Grundmauern zerstört. Die Reste mussten auf Anweisung der Bezirksregierung abgetragen werden. Das Trümmergrundstück gelangte 1943 in den Besitz der Stadt Köln. Auf einem Teil des Synagogengrundstücks erhebt sich heute das Opernhaus. Fundamente des Sakralbaus, möglicherweise auch die luxuriös ausgestattete Mikwe, sind unter dem Offenbachplatz erhalten.

 

Tefillin-Kapsel, Gegend von Köln, verm. 18. Jahrhundert, schwarzes Leder; Pergament. Kapsel: H: 2,3 cm, B: 3 cm, T: 2 cm. Pergament-Abschnitte: H: 1,1 cm, B: 17,8/17,5/9,6/20,1 cm. Inv.-Nr. KSM 1966/178. Geschenk von Herrn Hartmann, Köln, 1966. Foto: rba_KSM1966_178


Autor: Rita Wagner M. A.

 

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