»Keine Haare auf dem Kopf, aber ... «

Pokal und Zunftbecher der Kammmacher wurden Ende des 18. Jahrhunderts gefertigt. Auf einem der Medaillons des klassizistisch gestalteten Pokals ist ein Kamm als Verweis auf die Kammmacherzunft abgebildet. Die Produktion von Kämmen hat in Köln eine lange Tradition.

<strong>Pokal der Kammmacher,</strong> 1788<br /><strong>Becher des Kammmacheramtes,</strong> 18. Jahrhundert. Foto: rba_d033552
Pokal der Kammmacher, 1788
Becher des Kammmacheramtes, 18. Jahrhundert. Foto: rba_d033552

Über die Herkunft der beiden Stücke ist leider nichts bekannt. Man kann nur vermuten, dass es sich um Trinkgeschirr handelt, das nach der Auflösung der Zünfte, in Köln Ämter genannt, durch die Franzosen im Jahr 1794 im Besitz des letzten Zunftmeisters der Kammmacher verblieben war. 1906 wurden sie für 75 Mark von dem Kölner Händler Peter Josef Schmitz erworben.

Fuß und Schaft des in klassizistischer Formgebung gestalteten Pokals sind mit Rosetten, Bändern, Akanthusblüten und Spiralformen dekoriert. Die Kuppa zeigt vor einem gestrichelten Hintergrund je drei größere und kleinere Medaillons. Auf dem mittleren ist ein Kamm als Verweis auf die Kammmacherzunft abgebildet, die beiden anderen zeigen die heilige Ursula mit Pfeil und Palmzweig sowie den heiligen Nikolaus mit Bischofsstab und einem Korb. Der Deckel ist mit einem Flechtband und Blattwerk verziert und wird bekrönt von einer sitzenden Figur mit Pokal in der Hand – dem legendären König Gambrinus, Erfinder des Bierbrauens.

Der schlichte Becher ist am oberen und unteren Rand leicht geschweift.

Kämme (aus Knochen) gehören zu den ältesten Hygieneartikeln des Menschen und sind in Europa bereits im Neolithikum um 4000 v. Chr. belegt. In Köln wurden 2004 bei Ausgrabungen anlässlich des Baues der Nord-Süd-Stadtbahn in drei Meter Tiefe circa 300 Werkstattabfälle eines Kammmachers gefunden. Es handelt sich um Halbfertigprodukte von einfachen Kämmen aus Rinderknochen, die ins 12. Jahrhundert datieren. Im Spätmittelalter entwickelte sich Horn, vornehmlich aus Ungarn, zum bevorzugten Werkstoff, neben edlem Material wie Schildpatt oder Elfenbein. Eine erste Ordnung der Kammmacher ist 1428 aus Wien belegt. In Köln wurden bei der Abfassung des Verbundbriefes 1396 und auch in den Gewerbeurkunden des 15. Jahrhunderts keine Kammmacher erwähnt, woraus man schließen darf, dass ihre Zahl nicht groß genug war, um ein eigenes Amt zu bilden. Das Einwohnerverzeichnis aus dem Jahr 1715 listet drei Kammmacher auf, die der Gürtlergaffel beigeschworen waren. Sie wohnten alle »Auf dem Brand«, einer Gasse, in die die Kammachergasse einmündete. Ganz in der Nähe befand sich die oben genannte Werkstatt. Seit der Mitte des 

19. Jahrhunderts wurden Horn und Bein weitgehend durch Hartgummi und Zelluloid verdrängt, die maschinell in größeren Betrieben verarbeitet werden konnten. Der Beruf des Kammmachers starb aus.

Die auf dem Pokal dargestellte heilige Ursula ist bekanntlich eine der Schutzheiligen Kölns, ihr Attribut ein Pfeil, die Waffe, durch die sie das Martyrium erlitt. Palmzweige halten neben Kränzen die griechische Siegesgöttin Nike und die römische Viktoria in den Händen. Sie werden deshalb vielen Heiligen als Symbole der Überwindung des Todes beigegeben und auch, um daran zu erinnern, dass Christus beim Einzug in Jerusalem mit Palmzweigen gehuldigt wurde.

Nikolaus von Myra, der in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts als Bischof in Lykien in Kleinasien wirkte, ist einer der bedeutendsten Heiligen der Ost- und Westkirche. Die Darstellung mit einem Korb und drei Kugeln darin spielt auf das von ihm bewirkte Mitgiftwunder an. Durch das Geschenk dreier goldener Kugeln konnte er erreichen, dass drei Töchtern eines armen Mannes die Heirat ermöglicht wurde, die sonst zur Prostitution gezwungen worden wären.

Der Pokal ist ein klassischer »Willkomm«, ein Trinkgefäß das, mit Bier oder Wein gefüllt, auf der Zunftstube dem neuen Meister oder einem Gast gereicht wurde. Er fasst 300 Milliliter Flüssigkeit, konnte also, entsprechende Übung vorausgesetzt, in einem Zug geleert werden. Der Zunftbecher mit der Widmung an alle Meister und Gesellen fasst 200 Milliliter.

Es ist bemerkenswert, dass die Kammmacher noch 1788, sechs Jahre vor Auflösung der Ämter und Gaffeln, einen solch kostbaren Pokal in Auftrag geben konnten.

 

Johann Heinrich Rohr: Pokal der Kammmacher, Köln, 1788, Messing, versilbert und vergoldet; H: 43,5 cm, Inv.-Nr. HM 1906/111 b
Unbekannt: Becher des Kammmacheramtes, Köln, 18. Jahrhundert, Inschrift: Es leben alle Meister und Gesellen der Kamm Macher. Messing, oberer Rand und Inneres vergoldet; H: 8,8 cm, Inv.-Nr.HM 1906/111 a. 
Ankauf von Peter Josef Schmitz, Köln, für 75 Mark. Foto: rba_d033552


Autor: Prof. Dr. Majolie Lenerz-de Wilde

 

Newsletter

Möchten Sie unseren Newsletter abonnieren oder postalische Einladungen erhalten? 

zur Annmeldung

Kölnisches Stadtmuseum

Zeughausstraße 1–3
50667 Köln
Kasse: 0221/221-22398
Nur montags: 0221/221-25789
Fax: 0221/221-24154
E-Mail: ksm@museenkoeln.de

Öffnungszeiten

Dienstag: 10–20 Uhr
An Feiertagen bis 17 Uhr
Mittwoch bis Sonntag: 10–17 Uhr
KölnTag (1. Donnerstag im Monat): 10–22 Uhr
montags geschlossen

 

Eintrittspreise

Ständige Sammlung
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Sonderausstellungen
€ 5,00, ermäßigt € 3,00

Kombikarte 
€ 7,50, ermäßigt € 5,00